Zehn Gesichter des Bösen (2/2)

betr.: Liste der zehn Archetypen des Bösewichts in Hoch- und Popkultur / Sprechen am Mikrofon / Sprechen für Software

(Fortsetzung vom 25.2.2019)

Dies ist eine Aufstellung der zehn Typen, in die sich jeder Bösewicht in Popkultur, Literatur und Mythologie einordnen lässt. Sie können sich ja noch zusätzliche ausdenken, aber ich hoffe nicht, dass das nötig sein wird. Die weibliche Version ist ein spannendes Stück Arbeit, das noch zu tun bleibt.

Die zehn Archetypen des bösen Charakters (Mischformen möglich)

Der verrückte Wissenschaftler
(selbstbesoffen, pathetisch, grundsätzlich anfällig für nagende Selbstzweifel)
Der „Mad Scientist“ ist die mit Abstand beliebteste Ausprägung des Schurken. Obwohl nur die wenigsten von uns jemals persönlich einem solchen begegnet sind, ist er uns vertraut und zählt seit dem 19. Jahrhundert zum festen Inventar der Erzählkunst. In früheren Zeiten hatte er im Magier oder Alchimisten bereits einen Vorläufer. Einen besonderen Reiz beziehen diese Burschen aus ihrem akademischen Hintergrund, der eine Motivation sein kann, ihnen humanistisches Gebaren und gute Umgangsformen mitzugeben. Seit Hitchcock wissen wir, dass höfliche Schurken den Betrachter am schnellsten auf die Palme bringen. Auch der von William K. Everson definierte doppelte Boden ihrer Moral verleiht ihnen zusätzliche Tiefe: schließlich hatten viele von ihnen ursprünglich edle Absichten. Manche trachteten danach, Leben zu erschaffen oder Schönheit auf ewig zu bewahren, ehe ihnen die entscheidende Sicherung durchbrannte.
Prachtvolle Darbietungen: Unzählige „Dr. Frankensteine“ säumen unseren Weg.* Mir hat Peter Cushing, der häufig solche Rollen spielte, besonders gefallen. Eine wundervolle Variante bietet Curd Jürgens als „geistig seekranker Unterwasser-Onassis“ in „James Bond – Der Spion, der mich liebte“.

Der Scherge
Typ a) primitiv (kriecherisch, beschädigt oder doch wenigstens etwas ungepflegt)
Dieser Typus ist zumeist als Laborgehilfe anzutreffen, manchmal zusätzlich komischer Sidekick. In Märchen und Cartoons kann er einer unsympathischen Tierart angehören, die auf der Schulter des Ober-Bösewichts sitzt und ihm üble Gedanken einflüstert. Shakespeares Jago ist das bedeutsamste und raumgreifendste Beispiel. In aller Regel haben wir es mit einer Nebenfigur zu tun, die einen „Wirt“ benötigt und diesem treu ergeben ist.
Prachtvolle Darbietungen: Dwight Frye in den klassischen „Frankenstein“-Filmen
Typ b) integriert (kultiviert, versnobt, mitunter etwas fade)
Er tritt als Sekundant, Consigliere oder reche Hand einer höherrangigen Figur auf. Manchmal ist der Chef sogar das anvisierte Opfer, weil der Scherge Kalif anstelle des Kalifen werden will. Auch sein Part ist in der Regel klein, aber doch größer als der der primitiven Variante.
Prachtvolle Darbietungen: Peter Mark Richman im „Denver-Clan“, Robert Duvall in „Der Pate“ (1) und (2)

Der Tyrann
(großspurig, humorlos)
Wie auch der „verrückte Wissenschaftler“ kann diese Figur einst ein Mann mit Idealen gewesen sein, der zuallererst an sich selbst gescheitert ist. In Fantasy- oder Historienstoffen fühlt er sich besonders wohl. Er gedeiht auch in Familiendramen. Vorsicht: es droht das Schreckgespenst der Eindimensionalität (was umgekehrt den Helden interessanter wirken lässt), so dass der Typus gern etwas aufgeweicht oder gebrochen wird. Besonders großen Beifall ernteten Schauspieler, die (unfreiwillige) Komik in die Figur einbrachten: Peter Ustinovs „Nero“ (der Elemente des „Psychopathen“ aufweist) oder der Jay Robinsons schriller Caligula in „Das Gewand“. Unvergessen die jovialen Nazis, die Sig Ruman bei Lubitsch und Wilder gespielt hat.
Prachtvolle Darbietungen: in ernsten bzw. biblischen Stoffen gibt es keinen Zuverlässigeren als Christopher Plummer, einen Mimen von geradezu verstörender Gravitation, der aber auch alles andere spielen kann.

Der Repräsentant einer feindlichen Macht
(zumeist staatstragend, maskenhaft, verkniffen)
Meist ist dies eine kleinere Nebenrolle, eine graue Eminenz, ein besserer MacGuffin, da der Feind dieses Feindes uns naturgemäß wichtiger ist. Er wirkt am besten, wenn er sein Geheimnis bewahren kann und im Dunkeln die Fäden zieht. Gibt man diesem Typus mehr Raum – wie dem Putin-Charakter in „House Of Cards“ – gerät das zumeist überaus schwerfällig.
Prachtvolle Darbietungen: Walter Gotell hat diesem undankbaren Typus als General Gogol in einigen James-Bond-Filmen Charme und Tiefe gegeben, ohne eine Karikatur daraus zu machen.

Der Hasardeur
(ruchlos, ungezähmt, entweder wenig umgänglich oder sehr charmant)
Er kann ein ambivalenter Charakter sein, der uns bei seinen Intrigen und Tricksereien auf seine Seite zieht. Oder ein im Verborgenen wirkender Finsterling, der seinen Status als einsamer Wolf genießt. Ich muss bei zweiterem Typus immer zuerst an Dennis Hopper denken, ohne dass mir sogleich konkrete Filmbeispiele einfallen. Am wenigsten geht der „Hasardeur“ dann in einer der anderen Rubriken auf, wenn er in einer postapokalyptischen Einöde dem Helden den Tag verderben kann.
In der realen Politik (auch der westlichen Welt) wimmelt es zurzeit derartig von diesen Leuten, dass sie im Entertainment wenig Konjunktur haben.
Prachtvolle Darbietungen: Max von Sydow als ein- und ausbrechender Racheengel in „Der nächtliche Besucher“, Donald Pleasence in „Telefon“

Der entfesselte Unhold
(sollte nicht zu hübsch sein, sonst unberechenbar)
Dieses ist die menschliche Variante des Monsters, eine Art Godzilla im Anzug, ein im physischen Sinne bedrohlicher Mensch. Häufig wird er von einem anderen Schurkentypus gezähmt, beherrscht oder befehligt (und kommt dann als „Scherge“ daher). Auch die mutierenden „Mr. Hyde“-Figuren (wie der unglaubliche Hulk) fallen in diese Rubrik.
Prachtvolle Darbietungen: Richard Kiel als „Beisser“ bei James Bond, Lenny Montana als Luca Brasi in „Der Pate“

Der verkommene Bildungsbürger
(gepflegt, zur Leutseligkeit fähig, exzentrisch, erfüllt von mühsam zurückgehaltener Verachtung)
Es gibt ihn nicht oft zu sehen, aber er kann superbes Vergnügen bereiten: der geachtete Mitbürger, der Salonlöwe, der eigentlich alles hat – wären da nicht Spielschulden, Gier oder schlicht der Ennui des Arrivierten. Da er seine Gefühlskälte auch gegen sich selbst richtet, hat er sich stets unter Kontrolle – auch im Augenblick des Niedergangs.
Prachtvolle Darbietungen: Ray Milland in „Bei Anruf Mord“ und „Columbo – Blumen des Bösen“, James Mason in „Der unsichtbare Dritte“

Der Psychopath
(bis zum Finale maximal wandlungsfähig bzw. zurückhaltend, dann kalt und allenfalls von sich selbst berauscht)
Diesem völlig amoralischen Entwurf fehlt nicht nur jegliche Empathie, er braucht auch kein Motiv, um einen Mord zu begehen. („Sie müssen mich nicht töten!“ – „Ich tu’s gern“, heißt es einmal bei David Mamet.)
Auf den ersten Blick ist dies eine vergnügliche, dankbare Rolle. Leider ist die Versuchung groß, ins platt Kinskihafte abzugleiten. Entsprechend rar sind die wirklich gelungenen Beispiele. Man sollte bei solchen Rollen immer Ausschau halten, ob sich nicht eine andere Rubrik als Ergänzung findet.
Der berühmte Hannibal Lecter ist ebenso hier wie unter „Mad Scientist“ einzuordnen.
Prachtvolle Darbietungen: Barry Foster in „Frenzy“, Joseph Cotten in „Im Schatten des Zweifels“, die Figur des Martin Vanger im ersten Teil der „Millennium“-Trilogie

Der Anarchist
(stoisch, unbeirrt, gern etwas humorlos)
Er hat eine Mission. Der gefühllos funktionierende Auftragskiller gehört in diese Kategorie. Je intelligenter und organisierter er vorgeht, desto mehr Freude macht es, ihn zu hassen. In der Frühzeit der islamistischen Bedrohung gab es häufig die archaische Spielart, z.B. in der Serie „24“: den Attentäter. Wie im wirklichen Leben tritt dieser uns als religiöser oder politischer Knalldepp unter die Augen, der einen Minderwertigkeitskomplex mit einer wirren Lehre verbrämt (was mir persönlich auch im Film wenig Spaß macht).
Die Anarchistenrolle kann auch dem Helden zufallen, der seine Bestrebungen gegen ein System richtet, das wir mit ihm gemeinsam fürchten und ablehnen – dann ist von einem „Rebellen“ die Rede.
Prachtvolle Darbietungen: Edward Fox in „Der Schakal“, Arnold Schwarzenegger im 1. „Terminator“

Das rächende Würstchen
(leichter Unterton der früheren Kränkung, eher unauffälliger Typ)
Dieses ist die kleinbürgerliche Version des eingangs geschilderten „Mad Scientist“. Ist jener ein verstoßener Mann der Wissenschaft, der nun mit einer im Exil gezüchteten Monsterrasse zurückkehrt, um die Richtigkeit seiner Thesen auf blutige Weise zu untermauern, geht es bei diesem um einen kleinen Wicht, eine einstmals gepeinigte Kreatur. Es muss kein Einzelner, es kann die schiere Mitwelt sein, von der er sich missachtet fühlt. Entweder er wächst über sich hinaus, oder er versucht es wenigstens. In jedem Falle richtet er eine Menge Unheil an, ehe er selbst untergeht. Wollten wir das Monster von Frankenstein als Bösewicht einordnen, gehörte es in diese Rubrik.
Prachtvolle Darbietungen: Bryan Cranston in „Breaking Bad“, William H. Macy in „Fargo“

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* Siehe hierzu auch https://blog.montyarnold.de/2017/12/24/die-wiedergefundene-textstelle-der-verstossene-mann-der-wissenschaft/

 

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