Kleptomarnie

betr.: 97. Geburtstag von Jay Presson Allen / Das Hörbuch „Marnie“ von Jens Wawrczeck

Das modische Adjektiv „umstritten“ trifft auf den Film „Marnie“ in besonderer Weise zu, wenn es auch kein handfester Streit war, der um ihn getobt hätte. Die widersprüchlichen Bewertungen verteilen sich über 50 Jahre. Als spitzfindiges Melodram, das auf eine Reihe unvorstellbarer Triumphe bzw. Klassiker des Regisseurs Alfred Hitchcock folgte  – „Vertigo“, „North By Northwest“, „Psycho“ und „The Birds“ – wurde er zunächst sehr ungnädig aufgenommen. Er wurde in technischer Hinsicht als schlampig beschimpft, als unbeholfenes Tapsen in Freud’schen Revieren und als in der Titelrolle fehlbesetzt.

Marnie_Audoba_FNur Pferden gibt man den Gnadenschuss: ‚Tippi‘ Hedren nach dem Ritt durch eine vieldiskutierte Rückprojektion. 

Das Finale – eine als Schlüsselszene angelegte Rückblende voll Blut und Donnergrollen – kommt in der Tat nicht ganz zur Höhe der früheren Szenen hinauf. Das hängt aber auch damit zusammen, dass es bereits zuvor Situationen gibt, die das problematische Verhältnis zwischen Mutter und Tochter sehr drastisch und ganz ohne Effekte schildern, so z.B. die Zuneigung, die Marnies Mutter lieber dem Töchterchen anderer Leute entgegenbringt.
Noch 1979 erblickten die Biographen Robert A. Harris und Michael S. Lasky in „Marnie“ „den schaurigen Tiefpunkt des Hitchcock’schen Œuvres“.
Danach tat sich langsam der zeitliche Abstand auf, der eine gelassenere Neubewertung möglich macht.
Die gemalten Hintergründe und verwaschenen Rückprojektionen wurden nun als Beiträge zu einer unwirklichen Atmosphäre gelesen, und man begann Aspekte zu schätzen, die Mitte der 60er ziemlich unspektakulär gewirkt haben dürften: die famosen Dialoge (besonders im ersten Akt), die fehlende political correctness in der Darstellung des Geschlechterkampfes, die bestrickende Musik von Bernard Herrmann, die Technicolor-Farben …

Wer nun der nun der literarischen Vorlage lauscht, wird einige Abweichungen feststellen. Eine davon ist auf den ersten Blick etwas verdächtig. Im Buch von Winston Graham ist der ungeliebte Verehrer ein älterer Herr, im Film hingegen der sexiest men alive seiner Zeit Sean Connery, der überdies um diese Zeit im dritten James-Bond-Abenteuer „Goldfinger“ den internationalen Durchbruch schaffte.
Selbstverständlich ist es trotzdem möglich, dass eine Frau nicht mit ihm schlafen möchte und sich von seiner besitzergreifenden Brautwerbung bedrängt und abgestoßen fühlt. (Die homosexuelle Drehbuchautorin Jay Presson Allen wurde später für einen Dokumentarfilm gefragt, ob es ihr gar nichts ausgemacht habe, dies aus einer so männlichen Perspektive zu erzählen und meinte nur achselzuckend, darüber habe sie gar nicht weiter nachgedacht.)
Davon erzählt der Film ohne falsche Romantik.
Und davon erzählt das verblüffende Erlebnis eines Textes, vom man beinahe gedacht hätte, er könnte unmöglich von einem Mann vorgetragen werden.

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