Die Marvels wie sie wirklich waren: Silver Surfer (2/3)

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier wiederzugeben.

Der Silver Surfer (Fortsetzung vom 5.3.2019)
von Daniel Wamsler
http://dassagtenuff.blogspot.com/

La Porte Étroite_Seite 1

„La porte étroite“ – Der Surfer, den die USA nie sahen

Im Jahr 1981 veröffentlichte der deutsche Condor Verlag ein Heft mit einer bislang unbekannten Story des „Silver Surfer“. Der Zweiteiler mit insgesamt 42 Seiten reihte sich nahtlos in die bis zum damaligen Zeitpunkt in Deutschland erschienenen Abenteuer des Surfers aus der Feder von Stan Lee und John Buscema ein. Nur woher stammte „Das Tor zum Kosmos“ eigentlich?

Die Antwort liegt in Frankreich. Dort war der „Silver Surfer“ neben anderen Marvel-Helden äußerst erfolgreich in den Comic-Reihen „Fantask“ und „Strange“ gelaufen. Da es in der Vergangenheit immer wieder Probleme mit der staatlichen Zensurbehörde gegeben hatte, verzichteten die Franzosen allerdings auf den Abdruck der letzten „Silver Surfer“-Story (Silver Surfer # 18), bei der Stan Lee und Jack Kirby das bisherige Serienkonzept umgeworfen und einen gewalttätigen Surfer hervorgezaubert hatten. Die anderen siebzehn Geschichten erschienen vollständig, zum Teil aber mit kleinen (zeichnerischen) Veränderungen, um die staatlichen Richtlinien einzuhalten.

La Porte Étroite_Seite 6+15.2Seite 15 aus “La Porte Étroite” und Seite 6 des 2. Teils in der Condor-Fassung (Marvel-Comic-Sonderheft Nr. 7). Zeichner Jean Yves Mitton lässt seinen Silver Surfer in bester John Buscema-Manier erstrahlen.

Als Ende der 70er Jahre die siebzehn Abenteuer des „Silver Surfer“ innerhalb der „Nova“-Reihe erneut aufgelegt wurden, war man beim Verlag Éditions Lug mit dem abrupten Ende unzufrieden. Deshalb fragten die Verlagsinhaber Marcel Navarro und Auguste Vistel bei Marvel USA nach, ob sie nicht vielleicht den „Silver Surfer“ in Eigenregie fortführen könnten. Dem wurde zugestimmt, allerdings zu sehr ungünstigen Konditionen für Éditions Lug. Unter dem Pseudonym „J. K. Melwyn Nash“ schrieb Marcel Navarro, der seit Ende des Zweiten Weltkriegs Comics übersetzt und getextet hatte, die zweiteilige Geschichte, ganz im Stil von Stan Lee selbst. Für die Zeichnungen engagierte man Jean-Yves Mitton, einen langjährigen Zeichner für Lugs eigene Kreationen, welcher den Buscema-Kosmos des „Silver Surfer“ nahezu identisch adaptierte. Einige Übernahmen sind dabei so nah am Original, dass sich so manches Déjà-vu-Erlebnis einstellt. Dennoch gelang es Mitton, den Zauber durch eigene Szenerien und Hintergründe weiterzutragen.

Mitton und Navarro traten in Deutschland auch durch Basteis „Mykros“ (Original: Mikros) in Erscheinung. Diese Serie schufen die beiden für die Lug-Reihe „Titans“, wo sie als einzige Eigenproduktion neben diversen Marvel-Helden brillierte. Auch hier versteckten sich die Schöpfer hinter Pseudonymen (John Milton und Malcolm Naughton). Ende der 90er Jahre machte Jean-Yves Mitton wieder von sich reden, als bei Splitter die Album-Reihen „Vae Victis“ und „Chronik der Barbaren“ starteten. Erwähnenswert sind auch die bei Kult Editionen“ erschienenen Serien „Quetzalcoatl“ und „Attila“. Darüber hinaus veröffentlichte der Condor Verlag weitere, nicht näher bestimmbare französische Eigenkreationen mit Marvel-Charakteren. Diese erschienen u.a. in „Marvel-Comic-Sonderheft“ Nr. 5 und „Die Spinne“ Nr. 37 (Zweitauflage Nr. 36).

Das Tor zum Kosmos

Der „Silver Surfer“ entdeckt den riesigen Asteroiden Ceres, der seine ursprüngliche Bahn verlassen hat und nun unaufhaltsam der Erde entgegenrast. Zunächst bekommt die Menschheit davon nichts mit, denn die einzigen Zeugen sind die Insassen eines Space Shuttles, die allesamt sterben, als sie mit ihrem Schiff den Gravitationswellen des Asteroiden zu nahe kommen. Hier kann nur noch der aus „Silver Surfer # 1“ bekannte Anti-Materie-Strahler Zenn-Las helfen. Norrin Radd bittet seinen Herrn Galactus, er möge die Barriere, die ihn an die Erde bindet, aufheben, um den Planeten retten zu können. Doch Galactus versagt ihm dies, meint aber, dass der Surfer nach der Zerstörung der Erde frei wäre. Dieser wiederum entschließt sich, das Schicksal der Menschen zu teilen und versucht vor den Vereinten Nationen zu sprechen. Diese sehen ihn jedoch als Bedrohung an und schießen auf ihn. Der Surfer muss flüchten.
Norrin Radd glaubt, dass nur die Nächstenliebe für eine Wiedergeburt der Menschheit sorgen kann. Er macht sich seine kosmische Kraft zu Nutze, verteilt Brot an die Hungernden, bringt Regen in die Wüste und heilt die Kranken in den Hospitälern. Dies wiederum erzürnt Mephisto, der sich auf die Ankunft von Milliarden von Seelen armer Sünder eingestellt hatte. Also schickt er seine Dämonen Belzebub und Astaroth aus, um die Menschen dazu zu bringen, böses zu tun. Gleichzeitig versucht Mephisto mit dem Silver Surfer zu verhandeln. Er bietet ihm dessen Freiheit im Tausch gegen die Seelen der Weltbevölkerung. Da der Surfer darauf nicht eingeht, ändert Mephisto das Angebot: des Surfers Seele gegen die Rettung der Menschheit.

Die komplette Geschichte und deren Ausgang gibt es in Marvel-Comic-Sonderheft Nr. 7 des Condor Verlags. Dieses Heft ist ein absolutes Highlight, trotz der Condor-typischen Aufmachung und des kollagenhaften Titelbilds. Ein zweiseitiger Artikel über den „Silver Surfer“ von Hajo F. Breuer, in dem er u.a. kurz auf die Herkunft der Story eingeht, rundet das Ganze ab. Das französische Original erschien zwischen Februar und März 1980 in „Nova“ # 25 und 26. Leider kam es nie zu einer Fortsetzung, da Marvel USA laut Verlegertochter Claude Vistel dieselben Lizenzgebühren forderte, egal ob eine Story übersetzt und nachgedruckt oder komplett neu kreiert wurde. So blieb Lug zusätzlich auf den Kosten für Autoren und Zeichner sitzen, was eine Fortsetzung der Abenteuer des „Silver Surfers“ finanziell untragbar machte. Nicht nur durch diesen Umstand ist „La Porte Étroite!“ etwas gänzlich Einzigartiges.

Silver Surfer Condor-NovaIn „Nova“ No. 25-26 und 27-33 präsentierten die Franzosen zuerst ihre Eigenkreation und anschließend die „Silver Surfer Graphic Novel“ von 1978.
Forts. folgt

 

 

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Eine Antwort auf Die Marvels wie sie wirklich waren: Silver Surfer (2/3)

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