Professionelles Sprechen – Die große Illusion

Dieser kleine Aufsatz aus der verschwiegenen Welt der Mischpulte und Mikrofone basiert auf meinem Seminar „Einführung ins Mikrofonsprechen“. Fachleuten wird er wenig Neues zu erzählen haben.

„Also, das kann ich auch!“

Die meisten von uns sprechen viel, wenn der Tag lang ist, und normalerweise geschieht das flüssig und ohne Schwierigkeiten. Ein Leben lang. Auch das Lesen bringt uns in der Regel nicht in Verlegenheit. Da kann es – sollte man meinen – doch nicht so schwer sein, einen Text professionell vom Blatt zu lesen.
Doch das eine (der Alltag) hat mit dem anderen (dem Sprechen am Mikrofon) nichts zu tun.
Wer einmal ohne Mikrofon versucht, einen Text pannenfrei vorzulesen, wird schnell bemerken, dass er stolpert, sich verhaspelt und gegen einen rasch wachsenden Unmut ankämpfen muss. Das Problem besteht darin, dass wir über Betonungen im Alltag niemals nachdenken, weil sie uns vom Inhalt vorgegeben werden (den wir ja schon kennen, wenn wir den Mund aufmachen). Das ist beim Verlesen eines fremden Textes nicht der Fall.
Selbst Schauspieler tun sich mitunter schwer, wenn sie vom Blatt lesen sollen, denn auch in ihrer Arbeit ist ihnen das, was sie zu sagen haben, ja vorher bekannt (- mehr noch: es ist geprobt!). Auch ein improvisierender Schauspieler bewegt sich durch einen Bewusstseinsstrom.
Wer vom Blatt liest, der muss sich den vorgegebenen Gedankengang blitzschnell zueigen machen, als hätte er ihn selbst gedacht. Und das ist schon deshalb schwierig, weil es einen Bruch mit unserer Gewohnheit bedeutet: im Alltag sprechen wir ohne Spickzettel.

Wenn ein Regisseur dem Sprecher die Satzmelodie ständig vorexerzieren muss, ist mindestens einer von beiden vollkommen unfähig.

Am Mikrofon bekommt man immer etwas zu lesen. Man bekommt den Text nicht zugeflüstert oder vorgesagt, man wird ihn nicht selbst erfinden dürfen, man muss ihn ablesen. Und häufig liest man ihn dann zum ersten mal. (Wer frei am Mikrofon spricht, ist kein Sprecher in diesem Sinne, sondern Moderator, Journalist oder etwas anderes.)

Ist man nun in der Lage, einen Text fließend vom Blatt zu lesen, kommt die nächste Besonderheit hinzu, die im Alltag sonst keine Rolle spielt: man muss die Art und Weise hinbekommen, in der der betreffende Text gesprochen werden sollte, um zu funktionieren. Wer gebucht wird, um – sagen wir – einen Off-Kommentar für einen Naturfilm zu sprechen, der muss wissen, wie sich ein Naturfilm üblicherweise anhört. Wer einen Naturfilm intoniert wie eine Reifenwerbung, würde das Ergebnis ruinieren. (Und wer eine Reifenwerbung intoniert wie eine Werbung für Damenbinden, ebenso.) Es ist unmöglich, so etwas zufällig oder aus Versehen richtig zu machen.
Als Sprecher müssen mir die Genres vertraut sein, all die Medien, für die ich arbeite und buchbar bin. Ich muss in der Lage sein, sie abzurufen und mich darauf einzustellen. Und diese Einstellung auf Wunsch der Regie auch jederzeit zu ändern.
Es verhält sich wie mit einem Parodisten. Wenn ich nicht weiß, wie Willy Brandt spricht – sei es weil ich ihn gar nicht kenne, sei es weil ich ihm noch nie bewusst zugehört habe – bin ich unmöglich in der Lage, ihn zu parodieren. Mein Regisseur könnte mir diesen Sound niemals so präzise beschreiben, dass ich ihn daraufhin überzeugend umsetzen würde. Und das ist auch nicht die Aufgabe der Regie. (Ebensowenig wie es ihre Aufgabe ist, Willy Brandt selbst zu parodieren, um es mir vorzumachen. Wenn ein Regisseur dem Sprecher alles vorexerzieren muss, ist entweder er oder der Sprecher vollkommen unfähig.)
Die Beherrschung und richtige Wahl des Sounds, der passende Modus für die Lesung, ist die Aufgabe des Sprechers. Jeder, der selbst gerne Medien nutzt, in denen professionell gesprochen wird, wird damit keinerlei Schwierigkeiten haben.
Wer immer nur ein oder zwei Medien nutzt, möglicherweise schon.

Kommissarisches Lesen

Diese Regeln sind stehen nicht zur Diskussion. Wer sie missachtet, wird schlechte Arbeit abliefern. Er darf das vielleicht, weil ihm seine Prominenz (etwa als TV-Kommissar) das gestattet, aber es bleibt schlechte Arbeit.
Eine beliebte Methode, sich diesen Gesetzmäßigkeiten zu entziehen (sich durch den Text hindurchzumogeln), ist das Verfallen in einen Singsang wie er früher in der politischen Berichterstattung anzutreffen war und heute noch zuweilen in Sportmoderationen gepflegt wird. Auch dazu bedarf es einer gewissen Routine, doch sie ersetzt das bewusste Mitnehmen des Inhalts nicht. Auf diese Art kann man einen langen Text flüssig vortragen, ohne dass es zu hörbaren Irritationen kommen müsste. Dolmetscher und Simultan-Übersetzer arbeiten so: sie arbeiten sich Zug um Zug durch das Material und haben – auch die Fähigen unter ihnen – hinterher kaum eine Erinnerung daran, worum es inhaltlich gegangen ist. Das ist hier vollkommen in Ordnung, bei einer Lesung jedoch keine professionelle Option.
Wer einem solchen gemogelten Vortrag zuzuhören versucht, hat größte Schwierigkeiten, der Sache zu folgen. Er wird  immer wieder den Faden verlieren, so als lausche er einer Fremdsprache, die er nur notdürftig versteht. Was den Vorlesenden nicht interessiert, erfasst auch der Zuhörer nicht, obwohl jedes Wort „gestimmt“ hat.
Ich habe dieses Phänomen einmal im Selbstversuch erprobt.
Ein Freund überließ mir ein Gratis-Hörbuch, das er sich als Werbegeschenk im Internet heruntergeladen hatte. Es war ein Krimi, den ich mir beim Sport anhören wollte. Ich merkte sehr schnell, dass der Interpret nicht bei der Sache und sicherlich nicht vom Fach war, obwohl er einen gewissen professionellen Habitus vortäuschte. Mein Ehrgeiz trieb mich dazu an, mir diese Geschichte trotzdem zu erzählen zu lassen. Schon nach einer Minute merkte ich, dass ich an etwas anderes dachte. Ich rief mich zur Ordnung und startete die Aufnahme noch einmal. Diesmal konzentrierte ich mich mehr, als es für ein Feierabend-Vergnügen opportun ist. Und wieder schweifte ich nach kurzer Zeit unwillkürlich ab. Ich habe es noch viermal vergeblich versucht.

Cadwiller Olden meinte einmal nach dem Genuss einer solchen „kommissarischen“ Sprachaufnahme (also eines richtig beschissenen Hörbuchs), das sei, als wollte man aus der Fotokopie einer Zitrone Saft pressen.  

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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/03/15/die-wonnen-der-ersten-lesung/

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