Die Marvels wie sie wirklich waren: Der Silver Surfer (3/3)

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier wiederzugeben.

Der Silver Surfer (Fortsetzung vom 11.3.2019)
von Daniel Wamsler
http://dassagtenuff.blogspot.com/

Surfin‘ Germany

fehlende Halbseite aus Silver Surfer # 4 in WilliamsThor Nr. 12
Fehlende Halbseite aus „Silver Surfer“ # 4 in „Thor“ Nr. 12 von Williams

Surfen in Deutschland ist nicht leicht, zumindest nicht ohne Wind und Segel. So musste auch Marvels „Silver Surfer“ hierzulande einiges über sich ergehen lassen. Zwar war die Figur bei ihrem Start im Januar 1974 auf den hinteren Seiten der „Thor“-Hefte des Williams Verlags aus diversen „Hit Comics“ bekannt, doch wirklich lesefreundlich war seine Präsentation nicht. Mit unterschiedlichen

Namen wie „galaktischer Silberreiter“ und „Silber-Surfer“ hatte der bsv in bei seinen ersten Auftritten innerhalb anderer Marvel-Reihen betitelt. Von Namenskontinuität keine Spur. Als der Williams Verlag ihn dann als „Silberstürmer“ einführte, war das kaum besser. Doch egal, die Serie lebte von Stan Lees Texten und John Buscemas Zeichnungen. Durch die „Zweitplatzierung“ in den „Thor“-Heften dauerte es mit einer einzigen Ausnahme je ein Vierteljahr, ehe ein Abenteuer des Surfers zu Ende war. Der Leser war also gezwungen, Geduld aufzubringen. Nach der spektakulären Eröffnungsgeschichte konnte Williams nicht umhin, eine Eröffnungsseite anders zu platzieren und die nachfolgenden (US-)Nummern um je zwei Seiten zu kürzen. Dieses Entfernen diverser Panels hatte logischerweise wieder mit dem geringeren Umfang der Hefte bei der Formatumstellung zu tun (- dazu später mehr).

Die deutsche Veröffentlichung durch den Williams Verlag war ein mutiger Schritt, da der „Silber-Surfer“ in den USA erst durch die Reprints zu seinem späteren Status gelangte. Bei der Erstveröffentlichung blieben die Verkaufszahlen weit hinter den Erwartungen zurück. Williams jedenfalls brachte die ersten elf Abenteuer von Galactus‘ glänzendem Herold. Die Einstellung der „Thor“- Reihe zwang auch den Surfer in die Knie, so dass von Silver Surfer # 12 nur noch die Ankündigung auf dem Cover von Thor Nr. 33 übrig blieb.* Trotz der Kürzungen liest sich der „Silberstürmer“ hervorragend und bleibt eines der erstaunlichsten Projekte der Marke Williams.

unterer Teil der Originalseite 37 aus Silver Surfer # 4
Der untere Teil der Originalseite 37 aus Silver Surfer # 4, der bei Williams ebenfalls fehlte.

Nach der Ankündigung des „Hexensabbats“ (Silver Surfer # 12) blieb es zunächst still um des Surfers eigene Serie. Denn erst vier Jahre später veröffentlichte der Condor Verlag „neues“ Material. Aufgrund der Planung kaum chronologisch, doch immerhin fünf weitere Abenteuer innerhalb von zwei Jahren. Zunächst erschien „Silver Surfer“ # 15 zweigeteilt in den erst kurz zuvor gestarteten „Die Spinne“-Heften („Die Spinne“ Nr. 15 – 16). 1981 ging es dann Schlag auf Schlag: die US- Endnummer in „Marvel Comic-Stars“ Nr. 1, „Silver Surfer“ # 13 – 14 in

„Die Spinne“ Taschenbuch Nr. 8 und „Hexensabbat“ in „Marvel-Comic-Sonderheft“ Nr. 4. Alles reichlich konfus und zusammenhangslos. Absolutes Condor-Highlight ist Condors „Silver Surfer“ # 12, auch wenn die Koloristen den eigentlich grünen Abomination in dezentes Grau-Braun hüllten. Das war immer noch besser als das „Schweinchenrosa“, welches ihm die Mitarbeiter des bsv seinerzeit in den farbigen „Hit Comics“ verpasst hatten. Absolut grauslig ist dagegen die Vermurksung von „Silver Surfer“ # 18 in „Marvel Comic Stars“. Wie man sämtliche Panels (mit nur einer Ausnahme) von ursprünglich 19 Heftseiten auf acht Seiten weniger wiedergeben kann, ist ohnehin fraglich. Die eh schon schwache Story mit dem gewalttätigen Silver Surfer lebt allein von Jack Kirbys Layout. Und genau das haben die Condorianer gründlich verunstaltet. Mag die Übersetzung noch so gut sein, diese Version bleibt unlesbar und verursacht bei längerer Betrachtung garantiert Augenkrebs.

Die Neuauflage des „alten“ Surfers brachte Panini kurz vor der Jahrtausendwende. Ironischerweise kletterte der Sammlerpreis für den ersten Band („Marvel Klassik“ Nr. 2) ruckzuck in schwindelnde Höhen, während man im darauffolgenden Jahr „Marvel Klassik“ Nr. 7, mit zwei bislang auf deutsch unveröffentlichten Storys, fast hinterher geschmissen bekam. (Verstehe einer die Fans …) Denn dasselbe Phänomen tauchte spätestens bei „Dracula“ in Paninis „Marvel Horror“ wieder auf. Kaum war man mit den Wiederveröffentlichungen durch, gingen die Absatzzahlen in den Keller. Ist es denn wirklich so, dass die Leser nur das haben wollen, was sie bereits kennen? Frei nach dem Motto: „Was der Bauer nicht kennt…“? Kann das wirklich sein? Möchte denn wirklich niemand wissen, wie es weitergeht? Deutschland, deine Leser, tss, tss…

Neben dem US-Essential bleiben die „Marvel Klassik“-Bände weiterhin die wohl mustergültigste Version des Silver Surfers. Weniger wegen der Farbgebung, welche schon mancher Leser aus Österreich und der deutschsprachigen Umgebung bemängelte (nicht „nostalgisch“ genug). Sondern vor allem deshalb, weil man mit zwei fetten Hardcover-Büchern die komplette Serie in ungekürzter Form sein Eigen nennen kann und keine 32 Williams-Hefte durchblättern muss. Vom Wirrwarr der späteren Geschichten im Heft-Taschenbuch- und Überformat gar nicht zu reden.

Thor Williams 10, Seite 1
Eröffnungsseite aus Williams’ „Thor“ Nr. 10. Ein guter Start mit „Silver Surfer“ # 4. Die Kürzungen erfolgten erst beim Abdruck des dritten Teils in „Thor“ Nr. 12. Hätte man auf die bebilderten Einleitungstexte verzichtet, wäre eine Präsentation der kompletten Story möglich gewesen.

Als PDF folgt hier die Checkliste der deutschen Ausgaben des Silver Surfer (1974-1999).
Silver_Surfer_Checklist
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* Siehe voriges Kapitel in https://blog.montyarnold.de/2019/03/12/silver-surfer-23/

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