Die schönsten Hörspiele, die ich kenne (7): „Die Strafe“

„Die Strafe“, Hörspiel nach der Erzählung „Zum Tode verurteilt“ von Guy de Maupassant – mit Wolfgang Brunecker, Marylu Poolman, Wolfgang Sörgel, Christa Lehmann, Werner Schoch u.a., Bearbeitung: Jochen Hauser, Regie: Walter Niklaus, Rundfunk der DDR 1975 (53 min.)

Es war einmal an einem Vorfrühlingstag … in Monapossa schien die Sonne. Das ganze Land lag unter ihren gütigen Strahlen, was allerdings keine Besonderheit darstellt, denn Monapossa – Fürstentum Monapossa – umfasst 18 Quadratkilometer, und eine solche Fläche auszuleuchten, ist – wie man zugeben wird – keineswegs außerordentlich. Die Monapossen schritten zur Arbeit: die einen in die Küchen, die anderen zum Säubern der Spielsäle. Auch unterhalb des Fürstensitzes in den Villen der Minister beleuchtete die Sonne anbrechendes Tagewerk, und besonders schön nahm sie die Villa des Ministers für Justiz in ihre Strahlenarme, sei es, dass Rose – die vollschlanke, nichtsdestoweniger noch immer zauberhafte Gattin des Justizministers – gerade über den Balkon gegangen war, sei es, dass sie – die Sonne – Monsieur Jacques Degrais Mut für den heutigen schweren Amtstag machen wollte.

Im kleinen Fürstentum Monapossa wird ein etwas tumber junger Mann zum Tode verurteilt, der aus einem nichtigen Grund seine Frau erschlagen hat. Als den Behörden klar wird, wie teuer es wäre, aus dem benachbarten Frankreich eine Guillotine kommen zu lassen, wird der Delinquent zu lebenslänglicher Haft begnadigt, doch das geht auf die Dauer noch mehr ins Geld. So zieht man den Bewacher ab und öffnet die Zellentür, um dem Burschen freien Abzug zu ermöglichen. Doch er bleibt.Als erster lokaler Mörder und Todeskandidat seit Menschengedenken ist er inzwischen zur Touristenattraktion geraten – besonders bei der Damenwelt. Und der begehrteste Junggeselle des Landes hat auch noch sturmfreie Bude …

In Unrechtssystemen gedeihen regelmäßig die schönsten Satiren und phantastischen Erzählungen. Dazu zählt auch diese freie DDR-Hörspielbearbeitung von Guy de Maupassants Meisternovelle „Le Condamné à mort“ (1883). Das Ergebnis ist eine unfassbar schräge Kuriosität, die sich mit ihrer Verhöhnung von Staat und Justiz besonders nahe am Abgrund bewegt.

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