Die Marvels wie sie wirklich waren: Spider-Man (2)

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier wiederzugeben.

Die erstaunliche Spinne (Spider-Man) (Fortsetzung vom 26.3.2019)
von Daniel Wamsler
http://dassagtenuff.blogspot.com/

Nuff Titelseite 03_Spider-Man

Die Williams-Version: „Die Spinne“ Nr. 1

Inhalt der deutschen Nummer 1: Noch vor der eigentlichen Story gab’s für die Williams-Leser auf dem Innenumschlag – wie bei allen Erstausgaben vom Januar 1974 – ein extra für die deutschen Fans verfasstes Vorwort von Stan Lee.
Auf Seite 1 verwendete man als Überschrift den Williams-„Die Spinne“-Schriftzug mitsamt seinem Netzhintergrund. Der kleine Spider-Man daneben wurde vergrößert nach rechts versetzt. Gelettert wurde noch nicht von Hand, man verwendete einen Maschinensatz, der einer Handschrift sehr ähnlich war, sozusagen ein „Pseudo-Lettering“, vergleichbar mit dem in den „Andy Morgan“- und „Bruno Brazil“-Alben des Bastei Verlags verwendeten Schriftsatz. Die Kolorierung unterscheidet sich deutlich von der Farbgebung des „Amazing Fantasy“ # 15-Nachdrucks bei Marvel Deutschland, vor allem bei der Kleidung. Das von Williams verwendete Papier war ziemlich grob, dafür war der Umschlag, ähnlich wie bei den späten Hit Comics, von guter Qualität, auch wenn die Umschläge der Hit Comics etwas dicker und somit stabiler gewesen waren. Die Seitenzahlen wurden neu gesetzt, einmal innerhalb der Panels von Hand, jeweils im letzten Panel am äußeren Heftrand, und zusätzlich noch einmal unterhalb der gezeichneten Seiten. Die „Macher“ Stan Lee und Steve Ditko verewigten sich auf der ersten Seite, was im Panini-Nachdruck, ebenso wie die laufende US-Nummer der Geschichte „V-789“, nicht mehr vorkommt.*

Spinne 1_EröffnungsseiteEröffnungsseite aus Die Spinne Nr. 1 von Williams. Die Lettern wurden mit einer Maschine gesetzt, die
mit der des US-Verlags Charlton identisch war.

Im Gegensatz zum Text in den Sprechblasen wurden Plakataufschriften (S. 2 und 4), Zeitungsüberschriften (S. 9) und Ausrufe wie „Au!“ und „Hee!“ (S. 3 und S. 5) von Hand gelettert. Soundwords wurden eingedeutscht und neu gesetzt. So wurde das Geräusch der Autohupe auf S. 3 von „Honk! Honk!“ zu „Tüüt! Tüüt!“ und das Herausschießen des Netzes auf S. 11 von „Whizzzzt!“ zu „Pschscht!“. Beim Lettern schlich sich ein Fehler gleich zweimal ein: „100 Dollar enthält wer sich drei Minuten mit Dampfwalze Hogan im Ring halten kann!“ (Plakat, S. 4) und „Die Spinne enthält Show-Preis“, in der Schlagzeile des „Daily Chronicle“ auf S. 9. Zu Beginn des 2. Teils (S.7), befinden sich im ersten, halbseitigen Panel drei merkwürdige große schwarze Flecken, die angekreuzt bzw. angekratzt wurden. Auch hier ist die Nummerierung „V-789“ zu sehen. Auf mehreren Seiten sind außerdem die ursprünglichen Seitenzahlen ausgespart, was daran liegen könnte, dass deren Position erst im Nachhinein verändert wurde. Die Seitenzahlen ziehen sich ab der ersten Seite, ohne Hinzurechnung der Umschlagseiten, fortlaufend durch das Heft hindurch.

Pupillen_Nr. 1

Irgendein Scherzkeks scheint sich den Spaß erlaubt zu haben, im 4. Panel der Seite 11, schwarze Pupillen auf den Schwarzfilm von Spider-Mans Maske zu zeichnen. Vielleicht stammen die schwarzen Flecken auf Seite 7 ebenfalls von ihm. Die „Pupillen“ jedenfalls kommen aus dem US-Originalheft, das auf der DVD „Stan Lee’s Mutants, Monsters & Marvels“ (dt. „Stan Lees Mutanten, Monster und Helden“, 2002) während des Interviews, das Kevin Smith mit Stan Lee führt, mehrmals groß im Hintergrund eingeblendet wird. Bei Williams verläuft abschließend auf der letzten Seite ein Textkasten waagrecht zur unteren Bildkante, der im US-Nachdruck nicht vorkommt, aber sicherlich dem Original entstammt, da die Seite ohne den Kasten kleiner erscheint als die restlichen.

Im Anschluss brachte Williams eine Redaktionsseite, bei der nach dem Gruß „Heute und auf ewig Euer“ Remos Unterschrift vergessen wurde. Danach folgt ein Titelbild des Zweithelden „Aquarius“ (Tales To Astonish # 70), welches durchaus auch für eine eigene Heftreihe hätte benutzt werden können. Lediglich das Signet wurde verkürzt und ohne Preisangabe abgedruckt. Man hatte sogar einen eigenen „Aquarius“-Schriftzug entworfen. Die Rückseite des zusätzlichen Covers enthielt eine Sammelmarke, auf diese Weise musste man die Comicseiten nicht zerschneiden. Nur der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass Zeichner Gene Colans Pseudonym Adam Austin fälschlicherweise „Dam Austin“ geschrieben wurde. Nach 12 Seiten Aquarius folgen eine Spielseite mit einem Labyrinth unter dem Titel „Eine aufregende Marvel-Jagd!“, sowie eine fünfseitige Episode der „Tales Of Asgard“ („Journey Into Mystery“ # 97) unter dem Titel „Geschichte aus Asgard! Heimat der mächtigen Nordgötter“. Abschließend zeigte man auf den hinteren Umschlagsseiten alle Titelbilder des nächsten Monats als sogenannte „Marvel-Produktion“ und ein ganzseitiges, wenn auch dürftig nachgezeichnetes, Sammelbild des Dings aus der Serie „Die fantastischen Vier“.
Wolfgang J. Fuchs liefert für AF # 15 eine sehr gute, sinngemäße und treffende Übersetzung ab. Auch das verwendete „Pseudo-Lettering“, welches der Maschinenschrift den Charakter einer Handschrift gibt, verstärkt den Eindruck einer Einheit von Bild und Text. Zudem unterstützt es die Lesbarkeit. Die Filme wurden mit Sicherheit in den USA hergestellt (vgl. Remo-Interview in Norbert Hethkes „Die Sprechblase“ Nr. 174/175), weil sie ein etwas gröberes Raster aufweisen als die späteren Williams-Comics und es zu technisch bedingten Farbverschiebungen kam.
Forts. folgt
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* Zumindest ersteres wurde wieder geändert, vgl. aktuelle Version in der Panini-Leseprobe: http://www.mycomics.de/comic-pages/9980-spider-man-erstaunliche-abenteuer-die-spider-man-anthologie.html#page/2/mode/2up

 

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2 Antworten auf Die Marvels wie sie wirklich waren: Spider-Man (2)

  1. Pingback: Die Marvels wie sie wirklich waren - Übersicht - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

  2. Felix Schroeder sagt:

    Fantastische Comics von Marvel, eine extrem gute, ja unerreicht gute Publikation durch den Williams Verlag und ein tolles Magazin über diese Comics von Daniel Wamsler, die man nur empfehlen kann und das ganze in diesem schönen Blog. Herz, was willst Du mehr? Von mir nur ein Hinweis: das Spinne Heft 1 von Williams ist sammlerisch das teuerste und gefragteste deutsche Comic der 70er Jahre. Wer das jetzt aufgrund dieses Artikels bei sich wieder findet, und besonders wenn es noch sehr schön aussieht, sollte sich um eine adäquate Archivierung bemühen (basisch gepuffertes Board, Mylarfolie, ins Dunkle damit). Infos gibt es natürlich auch im WWW.

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