Jenseits der Mauer des Horrors

betr.: 102. Geburtstag von Robert Bloch 

„Robert Bloch hatte das Herz eines kleinen Jungen. Es stand in einem Glas auf seinem Schreibtisch.“ (populäres Gerücht)

Als Teenager war Robert Bloch ein Brieffreund von H. P. Lovecraft*. Später war er befreundet mit Buster Keaton, Boris Karloff und Fritz Lang. Er war der Autor hunderter Horror-Kurzgeschichten und von vierundzwanzig Romanen. Stephen King nannte ihn den „Dealer mit dem besten Stoff“. Bloch versorgte Hollywood in den sechziger Jahren mit Drehbüchern für TV-Serien wie „Alfred Hitchcock präsentiert“ oder „Raumschiff Enterprise“ und gehörte zu den Drehbuchautoren von William Castle. Für uns heute ist er vor allem der Autor von „Psycho“.

Ein Junge, der Geschichten liebt

Robert Bloch kam am 5. April 1917 als Sohn des Bankangestellten Raphael Bloch und der Lehrerin und Sozialarbeiterin Stella Loeb Bloch in Chicago zur Welt. Seine Großeltern stammten väterlicherseits aus Darmstadt, mütterlicherseits aus Elsass-Lothringen. Der extrovertierte Schüler wurde zwei Klassen hochgestuft, was seine schmächtige Erscheinung noch besser zur Geltung und ihn um das letzte Ansehen seine Mitschüler brachte. Die Familie zog zunächst ins kleinstädtische Maywood in Illinois um, dann nach Milwaukee in Wisconsin, wo er die ersten Sketche für die Bühne seiner High School schrieb.

Mit neun – die USA durchlebten die „Wilden 20er“ vor der Weltwirtschaftskrise – wagte sich der kleine Robert erstmals allein ins Kino, um „Das Phantom der Oper“ zu sehen. Diese Begegnung mit dem Horror war Liebe auf den ersten Blick. Der nächste wichtige Schritt in diese Richtung ereignete sich im folgenden Jahr: im Bahnhof von Chicago fragte ihn eine seiner Tanten, welche Zeitschrift sie ihm kaufen solle. Damals gab es hunderte sogenannter „Pulp Magazines“** für zehn Cent mit Cowboys oder Piraten auf dem Cover. Trotzdem fiel der Blick des Jungen, wie er später Larry King erzählte, „auf ein Heft namens ‚Weird Tales‘ mit dem Bild einer nackten Frau, auf das ich mich sofort stürzte. Das Heft enthielt auch eine Story von H.P. Lovecraft. Fünf Jahre später korrespondierte ich mit Mr. Lovecraft, und weitere zwei Jahre später verkaufte ich meine eigene erste Story an ‚Weird Tales‘.“
Seine Brieffreundschaft mit dem „Einsiedler von Providence“, hielt Robert vor seinen Mitschülern geheim. Er konnte nicht wissen, dass Mr. Lovecraft als Briefeschreiber fast noch fleißiger war denn als Autor gruseliger Geschichten. Er pflegte die Kontakte zu seinen Fans, von denen sich einige später zu jungen Kollegen entwickeln sollten, mit Hingabe.

In seinem ersten Brief beklagt sich Robert darüber, dass er Lovecrafts Geschichten für die einschlägigen Magazine nicht in Buchform habe finden können – abgesehen von zwei, die in Anthologien aufgenommen worden seien. Der Autor bedankt sich bei dem „lieben Mr. Bloch“ (der sich durchaus als 15jähriger zu erkennen gegeben hatte) mit dem Angebot, ihm seine eigenen „zerschundenen Exemplare“ auszuleihen, wenn er dessen Wünsche erfahren dürfte. Er lobt seine erkennbare literarische Vorbildung und gibt ihm ein paar Lesetipps: „Sind Ihnen die Arbeiten von M. R. James vertraut, die wenigen unheimlichen Erzählungen von Walter de la Mare, die frühen phantastischen Werke (ganz anders als seine späten Sachen!) von Robert W. Chambers und die traumartigen und farbenprächtigen Gespinste Lord Dunsanys?“
Als Robert ihm mitteilt, er hege selbst schriftstellerische Ambitionen, wird er von Lovecraft ausdrücklich ermuntert. Der verspricht, seine Sachen zu lesen und ihm ein Feedback zu geben. „In Ihrem Alter habe ich selbst eine Unmenge geschrieben, obgleich mein Zeug nicht von der gleichen Qualität war wie jenes anderer Sechzehnjähriger, das mir seitdem untergekommen ist“, beruhigt der Alte den Jungen. „Später habe ich so ziemlich alles zerstört, was ich als Jugendlicher geschrieben habe.“  Als die ersten Texte tatsächlich eintreffen, bleiben Lovecrafts Reaktionen freundlich und anspornend. Er fordert alle seine schreibenden Fans regelmäßig dazu auf, seinen Kosmos aufzugreifen, zu zitieren, zu parodieren und weiterzuspinnen.

Der heranwachsende Schriftsteller

In zwei ihrer berühmtesten Geschichten haben Lovecraft und Bloch einander gegenseitig in bester Freundschaft umgebracht. Im September 1935, in seiner fünften in „Weird Tales“ abgedruckten Erzählung „The Shambler from the Stars“, lässt der inzwischen 18jährige seinen Meister bis auf den letzten Blutstropfen von einer „Gestalt ohne Kopf, ohne Gesicht, ohne Augen, mit dem gewaltigen Schlund und der gigantischen Klaue eines den Sternen entsprungenen Monsters“ aussaugen. Das Motiv des sich gegen den eigenen Lehrmeister erhebenden Schülers wird in Blochs Werk noch häufiger anzutreffen sein.

Am Morgen des 15. März 1937 starb H.P. Lovecraft unter Schmerzen, ohne seinem Eleven in den vier Jahren ihrer Brieffreundschaft persönlich begegnet zu sein. Robert Bloch blieb ihm zeitlebens in Dankbarkeit verbunden, widmete seinem Mentor mit dem apokalyptischen Roman „Strange Eons“, in dem der Gott Cthulhu die Macht über die Erde ergreift, noch mehr als vierzig Jahre später eine zärtliche Hommage. Doch schon in den 30er Jahren hatte er begonnen, sich von seinem Vorbild zu lösen. Die weitschweifige „gotische“ Feierlichkeit machte dem Alltagsjargon der amerikanischen Gegenwart Platz.

Anstatt wie früher mit Motiven des Voodoo- und Hexen-Kultes zu arbeiten, des Satanismus oder der bei den Lesern von „Weird Tales“ gleichermaßen beliebten ägyptischen Mythologie, wandte sich Robert Bloch einem neuen Genre zu. Mit dem Verkauf einer Kurzgeschichte an das Science-Fiction-Magazin „Amazing Stories“ stieß er 1938 in ein Genre vor, das ihm ein neues Erzähltempo auferlegte und ihm dafür eine noch größere schöpferische Freiheit eröffnete. Seine zweite für „Amazing Stories“ geschriebene Geschichte sollte für sein späteres Werk richtungsweisend sein. In „The Strange Flight of Richard Clayton“ wähnt sich ein Astronaut auf dem Flug zum Mars, um schließlich festzustellen, dass er die Erde nie verlassen hat. Diese Grundidee ist heute Allgemeingut, besonders seit Pierre Boulles Evergreen „Planet der Affen“.*

Blochs Modus Operandi

Hundert Jahre nach Edgar Allan Poe und eine Generation vor Stephen King entwickelte sich Robert Bloch zum Chronisten eines paranoiden Amerika.
Mit dem Hereinbrechen der realen Abscheulichkeit des Zweiten Weltkriegs gehen die Elemente des Übernatürlichen in seiner Arbeit zurück. (Zur selben Zeit und aus ähnlichen Gründen kommt der Horror auch in Hollywood aus der Mode.) Bloch findet das Grauen nun mehr und mehr in der Welt seiner Leser: in der amerikanischen Mittelschicht.

Mit Psycho-Thrillern wie „The Scarf“ (1947) und „The Kidnapper“ (1954), arbeitet er sich zu seinem berühmtesten Buch vor: „Psycho“, das innerhalb von sieben Wochen des Jahres 1958 entsteht.
Robert Bloch will diese Erzählung übrigens verfasst haben, ohne vom Fall des realen nekrophilen Psychopathen Ed Gein zu wissen, der heute als allgemein Vorbild für Norman Bates angesehen wird: „Was mich interessierte (…), war die Situation. Wie konnte ein Mann, der sein ganzes Leben in einem so kleinen Ort verbracht hatte, derartige Morde begehen, ohne den Verdacht seiner Nachbarn zu erregen? (…) Ich erfuhr erst Jahre später, wie ähnlich Norman Bates (Ed Gein) tatsächlich war.“

Man könnte sagen, Bloch schätzte im Zentrum seiner Geschichten das duale System: sei es die Persönlichkeit, die in zwei unvereinbare Teile gespalten ist, seien es die beiden widerstreitenden Realitäten, von denen sich höchstens eine als die tatsächliche Wirklichkeit erweisen wird. Manchen seiner Titel ist das dem Autor so vertraute Hollywood als Schauplatz oder Bezugspunkt anzumerken, etwa „The Plot Is The Thing“ (makellose Filmstars stellen sich als metallische Androiden heraus) oder „Terror Over Hollywood“ (eine junge Horrorfilmliebhaberin findet sich zuletzt als „weiße Frau“ auf King Kongs Insel wieder).

Weil ich sie so besonders liebe, möchte ich zuletzt noch auf eine Kurzgeschichte des Meisters eingehen. Der gemeinsame Erfolg mit Hitchcock mündete im folgenden Jahr in der Veröffentlichung von „A Home Away From Home“ in „Alfred Hitchcock’s Mystery Magazine“ (wo sie den ersten Preis eines Wettbewerbs errang) und 1963 zu ihrer Präsentation in „The Alfred Hitchcock Hour“. Die Adaption dieser Story für das Fernsehen erinnerte den Autor an das sagenhafte Prokrustesbett, das seine unseligen Benutzer entweder streckte oder verkürzte, bis sie genau in seine Form passten. Robert Bloch war von der Umarbeitung seiner 2500 Wörter langen Story auf einen einstündigen Film immerhin so angetan, dass er noch zwei Novellen und einen abendfüllenden Kinofilm im gleichen Ambiente ansiedelte. Bei „A Home Away From Home“ handelt es sich (Vorsicht: leicht verschlüsselter Spoiler) um eine Variation von Edgar Allan Poes „The System Of Dr. Tarr  And Prof. Fether“.

Im Januar 1964 endlich begegnete Robert Bloch „der Richtigen“, seiner Eleanor, auf einer Dinner Party in Beverly Hills. 22 Minuten später hielt er um ihre Hand an und bekam sie. „Psycho“ hat sie nie gelesen.
Robert Bloch starb am 23. September 1994 in Los Angeles.

_____________________
* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2018/03/15/aus-der-finsternis/
** Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2014/09/29/ueberflieger-von-ganz-unten-was-ist-pulp/

Dieser Beitrag wurde unter Fernsehen, Film, Gesellschaft, Hommage, Literatur, Popkultur, Science Fiction abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.