Die Marvels wie sie wirklich waren: Spider-Man (4)

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier wiederzugeben.

Die erstaunliche Spinne (Spider-Man) (Fortsetzung vom 10.4.2019)
von Daniel Wamsler
http://dassagtenuff.blogspot.com/

Sensational Spider-Man 192

Ja wo denn nun? – Gwen Stacy und der Brücken-Fall

Manchmal scheint die Arbeitsteilung nach der „Marvel-Methode“ Schwierigkeiten zu bereiten. Der Autor bespricht mit dem Zeichner den Plot – quasi eine kurze Zusammenfassung der Geschichte – lässt ihm freie Hand bei der Ausarbeitung und setzt anschließend die Sprechblasen und den Text ein. Danach geht das Ganze zum Letterer und Inker. Stan Lee erfand diese Methode, um der Arbeitsüberlastung zu entgehen, da für komplett ausgearbeitete Skripts meist einfach keine Zeit blieb. Letzten Endes kam das den Comics zugute. Die Zeichner konnten sich bei der Gestaltung und den Seitenlayouts frei entfalten, und „Stan The Man“ konnte sich textlich in den Sprechblasen austoben. Das fertige Produkt trug seinen Stempel, gewürzt mit einer ordentlichen Prise seines persönlichen Humors. Solch ein Zusammenspiel gab es vorher nicht. Die Verlagskonkurrenz von DC arbeitete zum damaligen Zeitpunkt ausschließlich mit exakt ausgearbeiteten Skripten. Damit gaben die Autoren das Layout vor, was im Endeffekt oftmals sehr steril aussah. Irgendwann musste auch DC einsehen, dass Stan Lees Marvel-Methode das bessere Ergebnis lieferte. Seither wird im Superhelden-Bereich generell so gearbeitet. Von daher war Jack Kirbys Vorwurf, Stan Lee hätte nie auch nur eine einzige Zeile verfasst nicht ganz unbegründet (John Romita merkte einmal an, dass Kirby niemals auch nur eines seiner eigenen Hefte im Nachhinein gelesen hätte. Er erledigte seinen Job, bekam sein Honorar und kümmerte sich um den nächsten Auftrag).

Den klassischen Fall eines Missverständnisses zwischen Zeichner und Autor zeigt „Die Nacht, in der Gwen Stacy starb!“. In „Amazing Spider-Man“ # 121 wirft der Grüne Kobold Peter Parkers bewusstlose Freundin von der Brücke, die bei Spider-Mans Rettungsversuch stirbt. Zu sehen ist die Brooklyn Bridge, doch Gerry Conway schrieb „The George Washington Bridge“ in die Sprechblase. Als ASM # 121 im Oktober 1986 zum 25. Marvel-Jubiläum zusammen mit ASM # 122 in “Marvel Tales” (“starring Spider-Man” bzw. “featuring the Sensational Spider-Man“) # 192 nachgedruckt wurde, merzte man diesen „Fehler“ aus, indem man zwei Sprechblasen entfernte und den Inhalt einer weiteren in „The Brooklyn Bridge“ änderte. In „Marvel Tales“ # 98 (Dezember 1978) erschien das betreffende Panel noch in seiner ursprünglichen Form. Doch damit nicht genug. Tauchten die beiden Sprechblasen im „Marvel Essential“ (Spider-Man Vol. 6, 2004) wieder auf, jedoch leicht versetzt an anderer Stelle und etwas verkleinert. Genauso war es wieder die George Washington Bridge, nur neu gelettert in der verkleinerten Brooklyn-Blase. Einen genialen Schachzug vollführten Panini und deren Übersetzer Michael Strittmatter. Die beiden fehlenden Sprechblasen wurden digital eingefügt und so übersetzt, dass beide Brücken erwähnt werden – und zwar stimmig (siehe Abbildung). Auf diese Art konnte nach fast dreißig Jahren das Missverständnis zwischen Gerry Conway und dem Zeichner-Team Gil Kane, John Romita und Tony Mortellaro ein für allemal ausgeräumt werden.

Spider-Man at Brooklyn-Bridge

Veränderungen

Der US-Nachdruck aus „Essential Spider-Man“ Vol. 6 wartet nicht nur mit der o.g. Veränderung der Seite 13 auf. Nach einem schlechten Coverscan steht auf Seite 1 Andy Yanchus als Kolorist in den Credits. Abgesehen davon, dass die Essential-Version keine Farbe hat, stammt die Originalkolorierung von David Hunt. Dieselben Farben mit den passenden Credits sieht man dann auch in der Version von 1978 (Marvel Tales # 98). Panini ließ 2002 selbst kolorieren und die Credits unter den Tisch fallen. Und auch Williams hatte eigene Farben für „Die Spinne“ Nr. 122, die sich – wie so oft – am Original
orientieren, doch in Sachen Druckqualität weitaus besser abschneiden. Eine weitere Variante, die in Deutschland allerdings nicht mehr erscheinen konnte, wäre Hit Comics Nr. 258 gewesen. Bekanntlich stieg Williams aber schon vier Nummern vorher aus dem europäischen Druckverbund aus, so dass das Heft lediglich als „Spinneman Classics“ Nr. 79 in Holland und „Edderkoppen“ Nr. 3/1974 in Dänemark erschien. Interessant ist auch hier die Farbgebung, da die späten Hit-Comics meist einen Spider-Man in den Druck-Grundfarben Magenta und Cyan präsentieren (siehe z.B. Hit Comics Nr. 250 und Williams „Die Spinne“ Nr. 114). Im Vergleich fallen zwei weitere Unterschiede auf. Zum einen das Cover: Abgesehen davon, dass Mary Jane braune Haare hat, sind die Bilder von Gwen Stacy und J. Jonah Jameson verändert. Gwens Bild sitzt tiefer, da sonst der Preisaufdruck nicht gepasst hätte und Jonah qualmt seine Zigarre spiegelverkehrt. Alle Bilderrahmen sind dünner, und die von Gwen und Tante May zeigen kleinere Ausschnitte als das Original. Interessant vor allem deshalb, weil man sieht, wie es ausgesehen hätte, wenn Williams 1974 nicht neu gestartet wäre. Im Innenteil gibt es einen weiteren Unterschied zur Williams-Version. Im ersten Panel der Seite 12 (Original-Seite 10) von „Spinne“ Nr. 122 fehlen die Gesichter von Flash Thompson, Tante May, und Randy Robertson. Diese sind in allen anderen Versionen vorhanden.

Turning Point Covers

Allerdings musste Randy auf dem Cover schon für das Reprint von 1978 dem Barcode weichen, so dass es kaum verwunderlich ist, dass er in der Panini-Version völlig anders aussieht (und trotz Signatur nicht von John Romita stammt). Der US-Nachdruck von 1986 hingegen präsentiert sich mit anderem Titelbild und verrät schon vorher, was im Innenteil passiert. Analog dazu lautet auch der Panini-Titel: „Der Tag, an dem Gwen Stacy starb!“. Ein leicht formatverkleinerter Nachdruck der Panini-Ausgabe erschien 2005 innerhalb der F.A.Z.-Edition „Klassiker der Comic-Literatur“. Abschließend bleibt nur noch zu sagen, dass auch „Marvel Tales“ # 98 inhaltlich verändert wurde, indem man die Seiten 4-5 zusammenfasste und Seite 6 entfernte. In diesem Fall ist dann wohl doch nur US-„Amazing Spider-Man“ # 121 von 1973 ein Original.

Forts. folgt

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