Eine kurze Ära von Posen und Konfetti

betr.: 20. Jahrestag des Einzugs des Deutschen Bundestages in den Reichstag / Zusammenhänge zwischen Innenpolitik, Homosexualität und Privatfernsehen in den 90er Jahren

Am 2. Januar 1984 begann mit dem Sendebetrieb eines archaischen Garagenfunks namens „RTLplus“ das Zeitalter des deutschen Privatfernsehens; inzwischen heißt dieser Sender offiziell „RTL Television“ – im Volksmund schlicht „RTL“ -, und es gibt ein neues „RTLplus“. Dieses Ereignis legte den Grundstein für eine kurze Phase, in der sich Köln als Nabel der bundesrepublikanischen Welt fühlen durfte. Denn mit dem unerwarteten Erfolg dieses ersten Privatsenders (und dem nicht ganz so großen, aber erwartbaren Erfolg seiner Mitbewerber) bildete sich in und um Köln gemeinsam mit dem immer mächtigen WDR und dem knapp 10 Jahre später hinzukommenden VOX – der zunächst als intellektuelles Gegengewicht zum eher prolligen RTL gedacht war – ein medialer Hotspot, von dem selbsternannte Medienhochburgen wie Hamburg und München in jenen Tagen nur träumen konnten. Unterdessen war zwar mit der Wiedervereinigung und der Rückgabe des Hauptstadtstatus von Bonn an Berlin (Bonn blieb zunächst noch Regierungssitz) ein Gegenschlag erfolgt, doch der brauchte noch einige Zeit, um seine Wirkung zu entfalten.
Zumal Köln noch einen gesellschaftspolitischen Faktor auf seiner Seite hatte, der sich mit dem medialen Aspekt effektiv hochschaukelte: der homosexuelle Lebensentwurf verlor seit 1985 seinen notorisch-exotischen Beigeschmack*, und der Zusammenhang zwischen einer gleichgeschlechtlichen Neigung und Eigenschaften wie Kreativität und Unterhaltungswert war schlichtweg nicht länger zu leugnen. Teilweise wurden bestehende TV-Lieblinge geoutet (ohne Einbuße an ihrer Beliebtheit zu nehmen), teilweise kamen sie auf Anhieb mit dieser Besonderheit über die Rampe: allererster Star der Ära des Privatfernsehens wurde die bekennende Lesbe Hella von Sinnen.
Köln etablierte sich in den und für die nächsten Jahre als schwule Hochburg, von der auch die Comedy-Welle ausgehen konnte. Deren kreativste Köpfe saßen zwar in Hamburg – mit dem schwulen Thomas Hermanns als entscheidendem Initiator – doch es war wiederum RTL, wo dieses Phänomen 1993 zuerst regulär auf Sendung gehen konnte. Über dieses schrill-kuschelige rheinländische Märchenreich gebot als „gütig mümmelnder Monarch“ der TV-Pionier und –Liebling Alfred Biolek**, der auf sein Outing durch einen Kollegen die einzig richtige Antwort gab: „Das weiß doch sowieso jeder!“

Mit dem Einzug des Deutschen Bundestages in den Reichstag  begann diese Zeit abzulaufen, und der in aller Welt übliche Hauptstadt-Zentralismus nahm auch bei uns seinen Lauf. Parallel dazu wurde Comedy zur Normalität, Schwulsein war nicht länger abendfüllend, und bald verlor auch das Fernsehen insgesamt an Bedeutung. „Alfredissimo“ – Alfred Bioleks letztes lineares Format und unangemessener Abschluss eines beeindruckenden TV-Lebenswerkes – lief noch bis 2007 und „gefiel 94% der Nutzer“.
_______________________
* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2014/11/06/giovannis-zimmer-nochmals-besucht/
* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/05/02/in-der-reihenfolge-ihres-auftretens-23-lichtgestalt-mit-fettspritzern/

Dieser Beitrag wurde unter Fernsehen, Gesellschaft, Kabarett und Comedy, Medienkunde, Medienphilosophie abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>