Wer war Bram Stoker?

betr.: 107. Todestag von Bram Stoker

In der Popmusik pflegt man in einem solchen Fall von einem „One Hit Wonder“ zu sprechen. Doch während es dort zumeist recht junge Künstler sind, die sich nach einem Erfolg bereits kreativ verausgabt haben, sind es in der Literatur häufig Spätwerke, die nachhaltig einschlagen. Auch Bram Stoker erlebte den Siegeszug seines „Dracula“ nicht mehr.

Abraham Stoker jr. kam am 8. November 1847 in Clontarf bei Dublin als drittes Kind einer Protestantenfamilie zur Welt.  Bis zu seinem siebten Lebensjahr litt er an einer bis heute rätselhaften Gehbehinderung. Dieses kindliche Handicap machte er jedoch wieder wett: als er am namhaften Trinity College Geschichte, Literatur, Mathematik und Physik studierte, war er der führende Sportler seines Jahrgangs und der Fußballmannschaft. Parallel tat er sich als Vorsitzender einer historischen und philosophischen Gesellschaft hervor.
Einige seiner Urlaubsreisen unternahm Stoker an die Küste North Yorkshires. Die kleine Hafenstadt Whitby bot nicht nur allerlei Atmosphärisches – einen verwitterten Friedhof und eine gotische Abteiruine – sie hatte auch zahlreiche Schiffbrüche erlebt. Das gestrandete Wrack des russischen Schoners „Dimitri“ inspirierte Stoker später zu dem Schiff, mit dem Dracula nach England reist, nachdem er dessen Mannschaft getötet hat. (Solche Anregungen waren kostbar, denn Transsylvanien hat der Autor nie betreten.)

Whitby+DimitriEin idealer Drehort für gotischen Grusel: das Städtchen Whitby und die gestrandete „Dimitri“

Bram Stoker schlug zwar die familiär vorgezeichnete Beamtenlaufbahn ein, doch das Theater fesselte ihn mehr. Seine Tätigkeit als Theaterkritiker brachte ihn mit dem berühmten Shakespeare-Darsteller Henry Irving zusammen. Der lockte ihn mit einer Verfünffachung seines Beamtenhonorars aus seinen geordneten Verhältnissen heraus. Irving machte ihn zu seinem persönlichen Sekretär und zum Manager seines 1500-Plätze-Hauses, des „Lyceum Theater“. Stoker und seine Frau, die schöne Florence Balcombe, gingen nach London, wo im Jahre 1897 ihr Sohn Irving Noel zur Welt kam. Da Stoker auch für die Organisation von Gastspielreisen der Irving-Truppe zuständig war, bereisten sie achtmal die USA und machten die Bekanntschaft von Mark Twain sowie dem von Stoker hochverehrten Walt Whitman.

Bram Stoker fühlte sich in diesen gesellschaftlichen Kreisen so wohl, dass er kaum zum Schreiben kam. Dass seine insgesamt zwölf Romane, seine Erzählungen und ein Erinnerungsbuch über Henry Irving nachts oder in den Ferien entstanden, wird allgemein dafür verantwortlich gemacht, dass er es stilistisch nie zu wirklicher Größe brachte. Die Brief- und Tagebuch-Erzählung „Dracula“ irritierte die interessierte Nachwelt durch ihre trivialen stilistischen Aspekte und die Ähnlichkeit, die der Sound der handelnden Personen aufweist. Lediglich die beiden Gegenspieler – den belesenen Vampirgrafen und seinen ebenfalls hochgebildeten Widersacher Dr. Van Helsing – versuchte der Autor voneinander abzusetzen. Aber das (gelegentliche) Radebrechen des holländischen Arztes sind so gesucht und inkonsequent, dass sie in den diversen deutschen Übersetzungen stets geglättet wurden. Zu dem, was das Buch zu einem solchen Erfolg gemacht hat, gehören die hohe konzeptionelle Qualität dieser allegorischen Geschichte und der glückliche Umstand, dass Stoker ihr in letzter Minute einen neuen Titel verpasste. Statt „The Undead“ nannte er sie schließlich „Dracula“ – was nicht nur doppeldeutig, mystisch und gruselig klingt, sondern auch auf ein verblüffend stimmiges historisches Vorbild verweist: der blutrünstige Woiwode Vlad Tepes („Vlad der Pfähler“, dessen Schicksal der Autor gekonnt mit alten Vampirmythen verknüpft) pflegte seinen Schriftverkehr mit „Draculea“ zu unterzeichnen, „Sohn des Teufels“.

Stoker-AufzeichnungenEin früher „Dracula“-Entwurf in der Handschrift des Autors

„Dracula“ erschien 1897, ohne allzuviel Aufsehen zu erregen. Stoker wollte den Stoff für die Theaterbühne adaptierten und wünschte sich Henry Irving als Hauptdarsteller. Das hätte nicht nur dessen pompösem Rollenprofil entsprochen sondern auch der tyrannischen Ader, die ihm nachgesagt wird. Doch der ehrwürdige Mime mochte sich dafür nicht hergeben. Als die ersten Lesungen im Lyceum stattfanden, ließ er die Beteiligten wissen, wie „dreadful“ er das Stück seines Protegés fand.
Stoker erlebte die Aufführung des Stücks mit Bela Lugosi in der Rolle des Dracula nicht mehr. Ihm entging auch die Stummfilmversion mit  Max Schreck, der wegen ungeklärter Rechte noch „Nosferatu“ heißen musste. Bela Lugosi spielte Dracula später im Tonfilm, doch anders als es seinem Kollegen Boris Karloff mit dem Monster von Frankenstein gelang, sollte er ihr Erscheinungsbild nicht definitiv prägen. In den 60er Jahren gab der stattliche britische Schauspieler Christopher Lee dem Grafen eine neue, weltläufigere Gestalt, die uns heute vertrauter ist. (Der beliebte Marvel-Comic „Die Gruft von Graf Dracula“ wiederum orientierte sich an Jack Palance …)

Wie so viele verdienstvolle Schriftsteller, konnte Bram Stoker die Früchte seiner berühmtesten Arbeit nicht mehr genießen. Seine letzten Jahre verbrachte er in schwierigen Verhältnissen, nachdem sein Förderer Henry Irving 1905 verschieden war. Stoker folgte ihm 1912. Er starb „an Erschöpfung“.

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