Die schönsten Filme, die ich kenne (92): „Sein Leben in meiner Gewalt“

Schon Mitte der 60er Jahre hatte Sean Connery das Bedürfnis, der Rolle zu entkommen, die ihn reich und berühmt gemacht hatte: James Bond. Während schon im vierten Beitrag der Agentenserie sein Interesse sichtbar nachließ, agierte er ununterbrochen in 007-Gegendarstellungen. Das führte zu einer Filmographie, in der nicht jeder Beitrag geglückt ist, die aber unbedingt mal eine Retrospektive wert wäre! Dieser kreative Wahn löste sich witzigerweise erst, nachdem Connery 1983 zum allgemeinen Beifall in einer leichtfüßigen Bond-Parodie aufgetreten war. Es folgten noch zwei, drei wirklich bemerkenswerte Filme, dann machte der Schauspieler es sich für den Rest seiner Karriere im seichten Mainstream gemütlich.
Zu seinem ersten Rückfall in die Agentenrolle hatte sich Connery nur überreden lassen, weil ihm United Artists die Finanzierung zweier Filmprojekte zu sicherte, bei denen er künstlerisch völlig freie Hand haben sollte. Er entschied sich zunächst für den unangenehmsten Theaterstoff in Reichweite – ein Drama von John Hopkins, das wenig erfolgreich in London gelaufen war -, scharte begabte Freunde und Weggefährten um sich und buchte den Regisseur Sidney Lumet, einen Könner, der es in 50 Jahren unauffällig auf knapp 50 bemerkenswerte Filme bringen sollte.

Seit genau zwanzig Jahren dient der ehrgeizige Sergeant Johnson glanzlos im Polizeidienst Ihrer Majestät. Der andauernde Blick auf Dreck und Gewalt hat ihm ein Gefühl der Sinnlosigkeit verschafft, seine Ehe ist am Ende. Nun treibt ein Kinderschänder sein Unwesen. Als ein Verdächtiger aufgegriffen wird, will Johnson an ihm ein Exempel statuieren. Er vernimmt ihn allein, was gegen die Vorschrift ist. Als der Mann ihn verhöhnt und ihm sein eigenes Scheitern begreiflich macht, brennt bei dem frustrierten Beamten die letzte notdürftige Sicherung durch. Er prügelt den Mann zu Tode und wird nun selbst Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens …

„The Offence“, basierend auf dem Stück „Diese Geschichte von Ihnen“, treibt Sean Connerys ohnehin fanatischen Bond-Eskapismus auf die Spitze. Er zeigt uns die Rückseite all dessen, was wir sonst im Kino zu sehen wünschen und bekommen: die Tristesse des wirklichen Lebens, der Polizeiarbeit, der Lebensmitte, der Mittelklasse. Die zu Beginn gezeigten Schulkinder sind die einzig fröhlichen Wesen in dieser infernalischen Waschküche, und man weiß: die gute Laune wird ihnen bald vergehen, wenn sie sich in faden Jobs, luftdicht zugeschraubten Familien und geschmacklosen Wohnungen wiederfinden. Alle Hässlichkeit der 70er Jahre wird aufgeboten (das Technicolor-Zeitalter war soeben zuendegegangen). Die Menschen hausen und arbeiten in Betonsilos, das Wetter ist echt britisch, und das Verhör das Connery über sich ergehen lassen muss, findet auf einer Baustelle statt. Obwohl der Film in den Twickenham-Studios entstand, fühlt man sich permanent an einem „Originalschauplatz“, aus dem es auch nach dem Ende der Vorführung kein Entrinnen geben wird.
Nach meiner Einschätzung ist es letztlich diese vollkommene Fantasie- und Perspektivlosigkeit, die den Helden in den Wahnsinn treibt, nicht etwa sein traumatisierender Job – aber zum Glück sieht hier jeder seinen eigenen Film.

Was uns zwingt, den Blick 110 Minuten lang auf dieses Grauen zu richten, sind Dialoge, wie ich sie nirgendwo sonst gehört habe und schauspielerische Leistungen, wie man sie selten zu sehen bekommt.* Sean Connerys Ambition hat sich künstlerisch ausgezahlt, „aber irgendwo da draußen wartete ein Publikum“ (John Parker). Und das hatte verständlicherweise keine Lust auf so viel Aufrichtigkeit. In Deutschland brachte der Film nicht einmal die Synchronisations- und Kopierkosten wieder herein, in Frankreich fand er keinen Verleih, und insgesamt war er ein solcher Misserfolg, dass man von Connerys zweitem United-Artists-Projekt nie etwas gehört hat.

Der famose Michael Haneke hält sich zugute, immer wieder das Unerträgliche auf die Leinwand zu bringen, und führt dafür gern Beispiele an, die er selbst nicht noch einmal sehen will.** Ich frage mich, wie ihm „Sein Leben in meiner Gewalt“ gefallen haben mag, eines der ganz wenigen geglückten Ergebnisse dieser Bestrebung.

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* Ich durfte dieses Stück einmal mit Peter Striebeck und Josef Bierbichler auf der Bühne erleben, die mir ebenfalls einen unvergesslichen Abend bereitet haben.
** Sie dazu https://blog.montyarnold.de/2018/08/03/lieblingsfilme-zum-fuerchten/

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