Sprechen am Mikrofon – ein lasterhaftes Vergnügen

Über die Arbeit mit Klischee und Vorurteil bei der Figurenzeichnung am Mikrofon

Wer am Mikrofon eine Geschichte zu gestalten hat, sollte genauso im Text versinken, sich ebenso in ihm verlieren wie der Zuhörer. Einfach gesagt: je besser sich der Interpret mit Handlung und Figuren amüsiert und zerstreut, desto besser wird das auch dem Konsumenten gelingen. (Ausgenommen hiervon ist allenfalls die Synchronarbeit, die durch die heute übliche zeitsparende Vorgehensweise des „Ixens“ an andere handwerkliche Instinkte appelliert.)
Diese These baut auf der Erfahrung auf, dass die so wichtigen Zwischentöne und der Subtext des Gesagten – also all das, was der Sprecher dem reinen Textinhalt hinzufügt, der sich auch dem Selbstleser böte – nur gelingen kann, wenn man nicht Satz für Satz vorgeht, sondern sich linear (surfend) durch die Erzählung hindurchbewegt.
Das Schöne am Konsumieren von Geschichten wird somit für den Sprecher zum Teil der Arbeit – also je nach Mentalität entweder zum positiven Nebeneffekt oder zum Witz an der Sache. (Ich persönlich neige zu Bewertung Nr. 2.)

Ein Beispiel

In der Erziehung hat man den meisten von uns beigebracht, Menschen nicht nach ihrem Äußeren zu beurteilen, denn schließlich kann ja niemand etwas für seine Segelohren oder seine Knollnase. Andererseits ist der erste (optische) Eindruck für uns alle unverzichtbar. Hier kommt der Dschungel zu seinem Recht, dem wir alle entstammen. Noch ehe unsere Manieren das verhindern können, hat sich unser Bauchgefühl schon etwas beim Anblick der Person gedacht („Hui, ganz schön große Ohren!“). Hinterher stellen wir mitunter fest, dass wir uns getäuscht haben oder das optisch Auffällige gar keine Rolle spielt. Aber das ist bei weitem nicht immer der Fall. Wer Segelohren hat, mag nichts dafür können, aber es ist immerhin möglich, dass ihn die vielen Jahre geprägt haben, da er auf dem Schulhof dafür gehänselt wurde. …
Nun kommt die gute Nachricht!
Am Mikrofon sollte man deswegen kein schlechtes Gewissen haben. Lassen wir unsere humanistische Erziehung hier ausnahmsweise beiseite, denn jedes Klischee hilft uns dabei, die Figur zu erfassen (zu durchschauen), die wir zu interpretieren haben. Während ein Schauspieler sich bis zu sechs Wochen lang dieser Erforschung widmen kann (man nennt das „Probieren“), muss der Sprecher es mitunter in Sekundenschnelle schaffen, sich einen Charakter zu erschließen. Überlegungen von der Sorte „Der arme Mann kann doch sicher nichts für seine hässliche Krawatte!“, „Unter seinem Stoppelbart ist er so glatt wie ein Babypopo!“ oder „Dieser enorm dicke Mensch wäre sicher viel lieber schlank …“  adeln uns im Alltag ungemein. Am Mikrofon stehen sie einer guten Gestaltung ebenso sehr im Wege wie mangelnde Konzentration oder Inkompetenz.

Das Sprechen – ein Krimi

Praktische  Übung

Nehmen Sie sich eine Geschichte vor, die Sie gut kennen: eine aktuelle Serienstaffel, einen Klassiker, Ihren Kindheits-Lieblingsfilm. Dann erstellen Sie Kurzportraits der handelnden Personen (besonders der Neben- und Kleinstrollen), genau so wie es ein Profiler täte. Oder der Psychologe aus einem meiner Lieblingsfilme „Es geschah am hellichten Tag“. Haben wir den Plot begriffen, geht so etwas in Nullkommanix, denn unsere blitzschnellen Urwald-Instinkte helfen uns ja dabei.
Wir brechen also die Charaktere auf das Wesentliche herunter, machen sie zur Charge, ehe wir sie spielen.
Wer so vorgeht, hat Sie viel mehr Freude bei der Arbeit und der Regisseur erst recht – vom Publikum gar nicht zu reden.

Gönnen wir uns eine beispielhafte Fingerübung mit einigen Figuren aus dem Ensemble des Krimis „Aufruhr in Klickersdorf“ („Prudence Petitpas mène l’enquête“, 1962) von Maurice Maréchal. Da es sich um einen Comic handelt, finden wir hier die idealen Voraussetzungen vor, uns von Äußerlichkeiten leiten zu lassen. (Aber auch in der reinen Schriftform würden wir auf ausreichend Indizien stoßen, uns ein Phantombild zu machen …)

Kurzinhalt

Im idyllischen Dörfchen Klickersdorf (einer Trüffel-Hochburg) gehen ungewohnt schräge Dinge vor sich: der Buchhändler Leske wird überfallen, nachts steigen dunkle Gestalten herum, und ein Unfallwagen ohne Insassen wird gefunden. Oma Pfiffig – Heldin der Serie und die „Miss Marple“ der Ortschaft – vermutet, diese Dinge könnten mit dem kürzlichen Ausbruch des Gangsters Karl Brutal zusammenhängen, der sich laut Zeitung in der Gegend herumtreibt. Aus der Kreisstadt wird Kommissar Migräne dazu abgestellt, den Fall vor Ort zu lösen …

Nebenrollen

Ixen mit Oma Pfiffig_Kommissar MigräneKommissar Markus Migräne wirkt schon auf den ersten Blick (Übergewicht, Buchhalter-Look) eher wie ein Held der Büroarbeit. Der Erzähler lässt ihn „Nach einer angenehmen Dienstreise“ auf dem Lande eintreffen und sogleich daran scheitern, mit den Einheimischen klarzukommen, deren Misstrauen durch die jüngsten Ereignisse aufgeschreckt ist. Zur Begrüßung wird der Beamte von indianerspielenden Kindern eingefangen und dem Dorfpolizisten vorgeführt. Nachdem er sich – von seinen Fesseln befreit – als ranghöchster Ermittler ausgewiesen hat, geht er erstmal ausgiebig zu Tisch (Trüffel!) …
Auch ohne diesen verheerenden ersten Eindruck wüssten wir: die wahre Ermittlerin ist ohnehin unsere Heldin Oma Pfiffig.

Ixen mit Oma Pfiffig_CyprianDer Dorfpolizist Cyprian ist alt genug, um noch im deutsch-französischen Krieg gekämpft zu haben und ein bisschen schusselig. Aber er ist guten Willens und wird allgemein geschätzt und respektiert. Normalerweise passiert in diesem Kaff ohnehin nichts, was über einen geknackten Kaugummiautomaten oder über ein entlaufenes Trüffelschwein hinausgeht. Dem Kollegen aus der Stadt begegnet Cyprian ohne jedes kindliches Konkurrenzdenken …

Ixen mit Oma Pfiffig_drei SchwesternDie Schwestern Knallzek sind schon auf den ersten Blick drei unangenehme alte Schachteln. Das bleiben sie auch auf den zweiten: tratschsüchtig, allergisch gegen andere tratschsüchtige alte Schachteln, begeistert vom Super-Detektiv aus der großen Stadt („So ein schöner Mann!“) – aber als Zeuginnen keine große Hilfe -, allzeit bereit, den Falschen zu verdächtigen – vor allem, wenn er etwas ungewaschen ist. Und dann auch noch eingebildet („Wie gut, dass unser Bruder, der tapfere General Knallzek, das nicht mehr erleben muss!“)!

Undsoweiter.

Wir sehen: hier wäre jede Bereitschaft, voreilig an das Gute im Menschen zu glauben, verlorene Liebesmüh.
Was über diesen ersten Eindruck hinausgeht, sollte erst einmal überspielt werden, denn dann bleiben die Figuren geheimnisvoll und sind ggf. im 3. Akt für eine Überraschung gut. (Das ist nicht nur bei Krimis von Vorteil …)

Forts. folgt

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