Die Marvels wie sie wirklich waren: Die Gruft von Graf Dracula (1)

My Favourite Vampire

Der ruchlose Clifton Graves hat die Explosion überlebt! Er öffnet das Hemd und präsentiert seinen wieder zusammengenähten Oberkörper. Jetzt will er Rache nehmen am Vampirgrafen Dracula, der ihn so herzlos verstieß, doch daraus wird natürlich nichts …
Die Ereignisse um den Bösewicht Dr. Sun habe ich geliebt! Es ist Marvels schönste Reminiszenz an die frühen Horrorfilme der Universal mit ihren Science-Fiction-Elementen. Bei Dr. Sun (ein wahrhaft widerwärtiger Mad Scientist in Gestalt eines sprechenden Hirns, das in einer Nährlösung schwimmt) haben wir es außerdem mit einem „geheimnisvollen Chinesen“ zu tun, einem wichtigen Topos der klassischen Kriminalliteratur.
Und natürlich liebte ich den charismatischen Vampirjäger Blade, der es viel später zu einer Filmkarriere bringen sollte!
Doch insgesamt wurde Marvels „Dracula“-Serie von mir einst ebenso und aus den gleichen Gründen unterschätzt wie „Die ruhmreichen Rächer“: erst bei der durchgehenden Lektüre entfaltet sich eine erzählerische Pracht, die über die Summe einzelner Heftlektüren noch weit hinausgeht.

Als diese Komplettlesung bei „Dracula“ hierzulande erstmals möglich war, war ich längst ein reifer Nostalgiker.
Beim Wieder- und Weiterlesen beglückte mich weiterhin der einzigartige Umstand, dass die ganze Saga von einem einzigen Künstler gezeichnet worden war: Gene Colan, der sich auf flatternde Capes und wallende Nebel so besonders gut verstand und der London so mustergültig einfing wie es John Romita mit New York getan hatte.
Colan war bei meinen Lieblingsserien „Captain Marvel“* und „Sub-Mariner“** immer wieder im Einsatz gewesen, bei denen die Zeichner häufiger wechselten. Nirgends war das stilistische Chaos so verschlingend wie bei „The Frankenstein Monster“***, meinem bevorzugten (Marvel-)Gruselstoff.
Die Autoren von „Dracula“ wechselten zunächst, bis sich Marv Wolfman (!) nach einem Dutzend Heften durchsetzte, ein alter Weggefährte des Autors und Redakteurs Roy Thomas  aus Fanzine-Zeiten. Auch der Inker Tom Palmer hatte sich unterdessen herauskristallisiert.
All dies verleiht der „Gruft von Graf Dracula“ die stilistische Ge- und Entschlossenheit einer Graphic Novel und bewahrt doch die Vorzüge einer Comic-Heftserie. Das ist eigentlich ein Unding und damit genau das Richtige für jeden, der den Alltag wirklich hinter sich lassen und im Morgengrauen erleichtert zurückzukehren möchte.

Dem Umstand, dass „Dracula“ zugleich Held und Schurke ist, begegnet das Konzept, indem es die Vampirjäger in den Vordergrund rückt, die sich nach und nach um den Dracula-Nachkommen Frank Drake geschart haben. Sie und ihre internen Konflikte versehen die Geschichte mit jener epischen Struktur (bzw. Seifenopern-Konsistenz), die wir nach dem Genuss von „Breaking Bad“ und „Mad Men“ gewissermaßen voraussetzen.

Bei seiner Williams-Erstveröffentlichung 1974 waren die Horrorserien „Die Gruft von Graf Dracula“ und „Das Monster von Frankenstein“ das frischeste Material im deutschen Marvel-Programm – im Gegensatz zu den Superhelden-Stories, die noch aus dem Silver Age stammten.
Marvel-USA war bereits ins Bronze Age eingetreten, und das bedeutete u. a. einen Rückgriff auf gut abgehangene Gruselstoffe. Warren Publishing machte gute Umsätze mit anthologischen Gruselmagazinen wie „Creepy“ und „Eerie“. Mittels ihres Vertriebssystems ignorierten sie sogar den Comic Code und erdreisteten sich besonders drastischer Darstellungen.

Auch bei Marvel gab es (und hier sogar in Farbe) Horror-Charaktere: „Ghost Rider“, „Man-Thing“, „Son Of Satan“ oder den Vampir Morbius, mit dem sich „Spider-Man“ herzumzuschlagen hatte. Mit „Tomb Of Dracula“ widmete Marvel diesem Trend eine eigene Serie.
Darüber weiß mein Gastautor Daniel Wamsler in den nächsten Folgen ausführlicher zu berichten.

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2017/01/01/captain-marvel-die-deutsche-chronologie/  und https://blog.montyarnold.de/2019/02/15/das-grosse-captain-marvel-schmaehbuch/
** Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2016/10/01/aquarius-prinz-namor-der-held-von-atlantis-die-deutsche-chronologie-von-marvels-sub-mariner/
*** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2017/02/01/marvels-monster-von-frankenstein/
Forts. folgt

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Eine Antwort auf Die Marvels wie sie wirklich waren: Die Gruft von Graf Dracula (1)

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