Die Filmmusik und ich (4): Der geheimnisvolle Herr Kummerfeldt

Richard Kummerfeldt wird vermisst, wenn auch nur von wenigen. Der „Filmmusik Weblog“ fragte einst, was wohl aus dem Begründer des Soundtrack-Labels „Tsunami“ geworden sei. Er verwies auf ein Interview mit dem Verschollenen auf einer Homepage, „die nächstes Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum der „Nicht-mehr-Aktualisierung“ feiern wird (falls AOL sie bis dahin nicht abschaltet)“ – das war im März 2008.
Wer Richard außerdem vermisst, hat ihm vielleicht mal etwas gepumpt.

Limelight_Celine Records_1985
Der Weg zum ersten Stock dieser Saarbrücker Adresse war vor 35 Jahren gewissermaßen mein Stairway To Heaven.

Ich habe Richard Kummerfeldt Mitte der 80er Jahre in Saarbrücken kennengelernt. Jemand hatte mir den Tipp gegeben, dass es auf dem St. Johanner Markt einen Plattenladen gäbe, der auf Filmmusik spezialisiert sei (eine ebenso absurde wie lustvolle Vorstellung): „Limelight Schallplatten“. Es sei kein Ladengeschäft, sondern eine Wohnung im ersten Stock der Nr. 26. Ich ging hin und fand tatsächlich einen Raum vor, in dem sich eine riesige Auswahl alter und neuer Soundtrackplatten befand. Richard – ein hagerer, struppiger Enddreißiger – betrieb diese Einrichtung zusammen mit seinem Faktotum Alfred, der auch Klein-Zack oder Igor hätte heißen können.
Wir kamen ins Gespräch, und Richard erzählte mir, dass er auch Filmmusik verlegte – unter seinem Label „Celine Records“. Davon zeugte das Lager mit seinen eigenen Produkten (z.B. die heute längst vergriffene „Blechtrommel“ von Maurice Jarre). Um mir die Illusion von Perspektive zu verschaffen, erzählte ich von meiner Reprotechniker-Ausbildung bei der Zeitung. Bei meinem dritten oder vierten Besuch schlug mir Richard vor,  für seine anstehenden Veröffentlichungen das Cover-Design und die Repro-Arbeit zu erledigen, der Schreibtisch nebenan stünde mir zur Verfügung. Was mich noch mehr begeisterte als das Vertrauen, die berufliche Berührung mit meiner Lieblingsmusik und die 150 Mark Honorar für jedes Album, war die Möglichkeit, auf dem Sofa des großen Wohnzimmers neben dem Verkaufsraum übernachten zu können. So tauschte ich erstmals in meinem Leben die erstickende Landluft gegen einen ersten Hauch der „Luft der Freiheit“, die bekanntlich im fernen Stanford weht.*
Etwas beschönigend betrachte ich diese Nächte mit Saarbrücker Altstadt-Blick heute als den Beginn meiner physischen Abnabelung – erst als Volljähriger (sobald ich es mir ohne familiäre Zuschüsse leisten konnte) zog ich wirklich „zu Hause“ aus.

Kummerfeldt-Montage
Richard Kummerfeldt als Kaufmann, Kobold, Lebemann (in der Finsternis des Hintergrunds unten rechts: das private Soundtrack-Regal).

In jenem Raum befand sich ein umfangreiches Regal, das eng mit noch größeren Raritäten gefüllt war als der eigentliche Laden: Richards private Soundtracksammlung. Er verlieh die Platten zwar nicht, aber ich durfte sie jederzeit auflegen und mir Kopien machen. Das bedeutete damals: Compact-Cassetten. Aus Verachtung für dieses jammervolle Konsumer-Medium habe ich nur dreimal von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht: bei Jerry Goldsmiths „The Wind And The Lion“ (später als CD herausgekommen), bei der Piratenpressung der Komplettfassung von „Marnie“ (später in wüstem Umschnitt auf LP und CD wiederveröffentlicht) und mit einem Bootleg-Sampler namens „Filmusik 2“ (sic!): Henry Fonda war als „Mr. Roberts“ auf dem Cover, und auf der Scheibe befand sich eine Zusammenstellung von Tonspurkopien alter Filmvorspänne und Single-Edits von Filmvorspännen. Die CD, die ich mir später von der popeligen Cassette gezogen habe, ist bis heute ein Herzstück meiner Sammlung.

In den nächsten Jahren gestaltete ich also ein paar Plattenhüllen (immerhin auch für Werke von Alex North und Elmer Bernstein) und lernte ein paar von Richards Freunden und Kunden kennen. Die waren entweder hochskurril oder wirklich liebenswert. Mit ihnen allen teilte ich mein schräges Interessengebiet.

CONDOR-Covers
Ein kurzer Ausflug in die Welt des Cover-Designs und das einzige Mal, dass ich in meinem offiziellen Ausbildungsberuf gearbeitet habe: zwei meiner Cover für Richard Kummerfeldt. 

Auf mein provinzielles Kindergemüt wirkte Richard viel (bzw. noch) malerischer als er es ohnehin gewesen ist. Er wusste nicht nur über Popkultur zu schwadronieren, sondern auch darüber, wie einfach es sei Drogen über die deutsch-französische Grenze zu schmuggeln.
Rein rechnerisch war es um die Zeit seiner Midlife-Crisis, als er anfing, in geschäftlichen Dingen nachlässig zu werden, abzustürzen, Rauschmitteln zuzusprechen und allmählich abzuwirtschaften. Das wollte ich nicht so genau wissen, aber einige unserer gemeinsamen Freunde irritierten mich mit ihren besorgten Gesichtern. Irgendwann erzählte mir einer von ihnen, es könne nicht mehr lange dauern, bis der Gerichtsvollzieher die Etage usurpieren würde.
Aus solchen Menetekeln irgendwelche Konsequenzen zu ziehen, verbaten mir meine kleinbürgerliche Erziehung (Ich kannte zwar das siebte Gebot, aber niemand hatte mir das elfte verraten: Du sollst dich nicht erwischen lassen.) wie auch meine damalige Neigung, an Illusionen längstmöglich festzuhalten.

Wenig später begann in ich in diesem Punkt an mir zu arbeiten. Eines Tages Anfang September 1986 versperrte mir ein Steckschloss den Zugang zu den Limelight-Räumlichkeiten: es war soweit.
Heute sehe ich die Sache so: es wäre nicht nur ein Akt des reinen Hedonismus gewesen, so viel wie möglich aus der Privatsammlung beiseitezuschaffen, um sie vor der Zerschlagung zu retten. Die Gläubiger (oder filmmusikalisch gesagt: die Ungläubigen) dürften den alten Kram zum Kilopreis verschleudert haben – wenn er nicht ohnehin auf dem Müllhaufen der anbrechenden CD-Ära gelandet ist.

Richard war jedenfalls verschwunden. Als ich mich 1989 in Hamburg niederließ, hörte ich, er wäre dortselbst im Begriff, einen neuen Filmmusikhandel aufzuziehen. Er produzierte auch wieder: indem er sich eine Lücke im seinerzeitigen Urheberrecht zunutze machte, brachte er die Originalbänder alter Filmmusik auf CD heraus, darunter Frühwerke von John Williams, 1994 produzierte er ein Album mit Neueinspielungen von Ron Goodwin unter dessen persönlicher Stabführung**.
Richards Bemühungen als Produzent gingen in dem Label „Alhambra“ auf, das ihn auf seiner Homepage als Gründer nennt, aber dann nur lapidar vermerkt, dass die Leitung nach „langjähriger Zusammenarbeit (…) im Jahr 2005“ von einem Nachfolger übernommen wurde. Richard verschwand nach Südamerika, von wo aus er einem gemeinsamen Freund hin und wieder schrieb. Dann verlor sich auch diese Spur.

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* „Die Luft der Freiheit weht“ ist (tatsächlich in dieser deutschen Schreibweise) das Motto der Stanford University, die 1891 gegründet wurde, um den USA zu einer ersten derartigen Einrichtung zu verhelfen, wie sie in der Alten Welt schon zahlreich existierten.
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2015/01/08/mit-miss-marple-daenemark/

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