Die Outtakes von Ralf König (157): „Stehaufmännchen“ (i)

Der verschlungene Weg zum neuen Comic von Ralf König

Zu „Stehaufmännchen“ gibt es eine Vorgeschichte. Die Kurzgeschichte „Evolutionsbremse“ erschien 2012 im Band „Götterspeise“: das Steinzeitmädchen Lucy – benannt nach einem aufsehenerregenden Knochenfund – hat keinen Bock auf Fortschritt und vormenschlichen Erfindergeist. Sie weist den Faustkeil, der ihr zum Geschenk gemacht wird, als sinnlosen Schnickschnack zurück und macht auf konservativ.

Lucy-Weibchen_106In der frühesten Version sieht das Weibchen der „Lucy“ aus „Evolutionsbremse“ noch zum Verwechseln ähnlich. (Siehe nächstes Kapitel: „Gestaltungsfragen“)

Der Hauptunterschied zum aktuellen Comic-Roman von Ralf König ist offensichtlich: war die „Evolutionsbremse“ noch eine unsympathische Figur, die eine begrüßenswerte Entwicklung aufhalten will, so ist heute – da der Klimawandel uns zuletzt einen allzu sonnigen Jahrhundertsommer bescherte und in diesem Jahr die Kölner Grünanlagen verdorren ließ – der Siegeszug des Homo Erectus keine gute Nachricht mehr. Das menschengemachte Siechtum unseres Planeten betrübt Ralf noch mehr als der körperliche Verfallsprozess – jedenfalls, wenn wir die Stimmung betrachten, mit der das finstere  „Stehaufmännchen“ auf den erstaunlich heiteren „Herbst in der Hose“ folgt.
Dazu passend war die Umsetzung des Sujets überaus problematisch. So heftig wie lange nicht verirrte sich der Künstler in Handlungssträngen, die letztlich versandeten und brauchte lange, bis er sich über ganz grundsätzliche Dinge im Klaren war. Bis dahin waren schon unzählige Seiten gezeichnet, die verworfen oder stellenweise überklebt werden mussten.
Diese mitunter überaus amüsanten Fehlstarts werden in den nächsten Wochen hier vorgestellt.

Am einfachsten ließ sich noch die Namensfrage lösen bzw. ändern: „Werner oder Hildegard ist doof“, erzählt Ralf im Nachwort, „Grumpf und Schrorg aber auch. Flop hieß erst Fred – in Anlehnung an Feuerstein“. Schwieriger war es, sich für die Sprache der Figuren zu entscheiden: kehlige Laute wären schnell langweilig geworden, richtige Dialoge liefen Gefahr, zu neuzeitlich auszufallen …
Ein besonders gut sichtbarer Änderungswunsch kam vom Verlag: das Gemächt des Coverboys – des Primaten Erec – war Rowohlt etwas zu mächtig und musste durch einen brennenden Ast teilweise verdeckt werden.

Stehaufmännchen-Titelbilder A+BDas ursprüngliche Titelbild für „Stehaufmännchen“ mit unverstellter Beinfreiheit.
Ein früherer Entwurf  (r.) zeigt die einzige farbige Abbildung der verworfenen Talkshow-Situation. Ralf heute erleichtert: „Ein Glück, dass der Verlag den nicht wollte, sonst wäre ich aus der Nummer mit dem Talk nicht mehr rausgekommen.“

Die Talkshow

„Stehaufmännchen“ wird als Theateraufführung erzählt. Ursprünglich hätte die Rahmenhandlung den Paläoanthropologen Prof. Dr. Hanebüchen in einer Talkshow gezeigt, der – je nach Arbeitsstadium – von einer schlichten Daily-Talk-Bürgerin befragt (und unterfordert) wird oder von der (real existierenden) Berliner Drag-Queen Jurassica Parka, die zwischen den Einspielfilmen sogar das Outfit wechselt wie sich das gehört.
Diese Klammer hätte zu viel Platz beansprucht und ließ sich nicht befriedigend auflösen, hätte aber lustig werden können. All das beweist das Dialogmanuskript, das wir hier später vollständig wiedergeben werden.

Das Menschenpaar im Publikum

PaareDas Gespann rechts ist auf der Höhe unserer Zivilisation, aber noch verbesserungsfähig.

Die beiden verirrten Afrika-Touristen, die sich in einer vermüllten Savanne die Evolution nacherzählen lassen, hatten mehrere Vorläufer.
In einer Fassung sind die beiden ein Neandertaler-Paar, das einem stark gealterten Flop zuhört. Aber warum nicht lieber gleich den heutigen Zustand abbilden, um den Kreis zu schließen? In einer anderen sind die beiden kein verfettetes Ehepaar, sondern ein Mutter-Sohn-Gespann. Der Bursche sah einfach etwas zu attraktiv aus, was zwar (auch Flop) Spaß machte, aber der Konzeption nicht weiterhalf.

Neandertalers mit Old FlopFlop (hier mit den Neandertalers) hat berühmte Leidensgenossen in der Comic-Geschichte: auch Popeye, Goofy, Homer Simpson und Onkel Dagobert sahen bei ihrem ersten Auftritt deutlich älter aus als später.
Fortsetzung folgt
Zeichnungen: Copyright by Ralf König

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