Ein erster Anlauf

betr.:  81. Geburtstag von Tom Stoppard

Obwohl ich nie ein Stück von ihm auf der Bühne gesehen habe (… vor einigen Jahren immerhin eine Verfilmung von „Rosenkranz und Güldenstern“), habe ich zu Tom Stoppard eine besondere Beziehung. Das kam so.

Als ich in dem Alter war, in dem anständige junge Kerle zur Schauspielschule gehen, absolvierte ich eine ungeliebte Lehre zum Reprotechniker. Ich war nämlich der Meinung, bis zu deren Ende (also mit 19) würde mich als Kabarettist ohnehin niemand ernst nehmen, also könne ich ja auch noch etwas lernen und ein wenig Geld zur Seite legen, ehe ich tatsächlich Kabarettist werde. (Das mit den „bis 19“ stimmte für damalige Verhältnisse sogar, heute sieht die Sache völlig anders aus …)
Ich hatte ein recht amüsantes soziales Umfeld, denn in Saarbrücken herrschte Mitte der 80er ein recht quirliges Klima. Es gab viele Festivals, witzige Kneipen und sehr viel Kleinkunst.

Travesties_Stoppard

Ein Freund schenkte mir zum Geburtstag mit absichtsvoll-aufmunterndem Blick die Taschenbuchausgabe des Stücks „Travesties“. Ich glaube, er hatte sich von dem Titel irreführen lassen, der ein wenig nach Subkultur klang. Ich hege übrigens einen lebenslangen Horror davor, Frauenkleider anzulegen, aber vielleicht irre ich mich ja auch, und der Gute kannte das Stück.
Da es das erste Theaterstück in meinem Besitze war – sieht man einmal von den völlig überflüssigen pseudopolitischen Klamotten „Mutter Courage und ihre Kinder“ und „Andorra“ ab, die man uns in der Realschule aufgenötigt hatte* – wollte ich es in jedem Falle lesen.
„Travesties“ spielt keineswegs in der schwulen Subkultur, sondern führt James Joyce, Lenin und den Dadaisten Tristan Tzara 1917 in der Zürcher Stadtbibliothek zusammen. Die Herren haben sich damals tatsächlich in der Stadt aufgehalten, aber ihr Zusammentreffen ist die Fortspinnung einer reinen Mutmaßung des Autors. Es ist ein Spiel mit Mythen, bei dem Oscar Wildes „Bunbury“ als Schablone diente, das ich mir damals in einer Inszenierung der örtlichen Uni-Theatergruppe anschauen konnte.
Ich will es gleich zugeben: ich kapierte nichts, und als ich das Buch zuklappte, war mein Respekt vor dem Lesen von Theaterstücken gewachsen. Dem nächsten derartigen Unterfangen näherte ich mich mit größerer Bußfertigkeit und mehr Erfolg.

Größeren missionarischen Erfolg hatte der Kollege, der mir ohne besonderen Anlass die Taschenbuch-Box mit dem gesammelten Kafka schenkte und dafür von mir verlangte, sofort und als erstes „Die Verwandlung“ zu lesen. Es gibt noch mehr solcher Beispiele.
Im Rückblick bin ich sehr gerührt, wie gut man für mich gesorgt hat, ohne dass es ein Dozentenkollegium gegeben hätte, das mich auf Trab hält und mit Input versorgt, wie es die echten Schauspielschüler erleben. Ich würde nicht nur verwöhnt, sondern auch gefordert. Es war eine hinreißende Erfahrung.

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* Näheres dazu unter https://blog.montyarnold.de/2018/07/15/zurueck-zu-sali-und-vrenchen-stoehnlaut/

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Eine Antwort auf Ein erster Anlauf

  1. Felix Schroeder sagt:

    Jupp, der Schenker war vielleicht Sternzeichen Affe? Läßt sich das prüfen? Ich habe heute erfahren, dass nach dem chinesischen Horoskop der mir ähnlichster bekannte Mensch Oskar Schindler war, was mich zugegeben sehr gerührt hat, daher der Kommentar. Ist ja auch nicht schlimm, wenn das alles Fake und Unsinn ist, es hilft dennoch bei der Frage „Erkenne Dich selbst“.

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