Nich‘ ohne Leo

betr.: 8. Todestag von Leo Kirch

Wer hin und wieder mit Fernsehleuten zu tun hat, der stellt verblüfft fest, wie wenig der Bedeutungsverlust dieses Mediums die Beteiligten zu interessieren scheint – und hier ist es egal, ob wir von den Öffentlich-Rechtlichen oder von den Privaten sprechen. Auf Sitzungen, die sich ausdrücklich mit Reichweiten oder dem Zuschauerverhalten befassen, mag dieses Problem eine Rolle spielen – in den internen Gesprächsrunden der berüchtigten „Gremlins“ also. Bei der freien Mitarbeit am Programm ist nichts davon zu spüren – sieht man einmal von der altvertrauten Ansage ab, es müsse überall gespart werden.
Aber mir tut diese Entwicklung ohnehin in erster Linie als Benutzer leid, als Kind der Generation Golf, für die „die Glotze“ lange sehr wichtig war, auch noch in jenen Jahren, da sie als Abspielmedium für Videokonserven mitbenutzt wurde.

Nun ist dies hier kein Klagelied eines alten Heinis, der das Internet noch nicht zur Kenntnis genommen hat.  Auch ich würde heute viel weniger fernsehen als früher, doch dann vielleicht genauso gern. Dass es für mich in mindestens 30 frei empfangbaren TV-Programmen weniger zu sehen (bzw. aufzuzeichnen) gibt als früher in zweieinhalb Programmen, die nur nachmittags und abends ausstrahlten, das ist interessant. Und es hängt mit der  eingangs erwähnten Gleichgültigkeit zusammen.
Außerdem liegt es wohl am Wegfall einer wichtigen Persönlichkeit, die mit ihrem obskuren Image (selten freiwillig fotografiert), ihrem Reichtum (wenn fotografiert, dann häufig auf einer seiner Yachten), ihrem Aussehen (so ähnlich wie Mao mit Sonnenbrille) und ihrer Vernetzung mit gehobenen Kreisen (befreundet mit Helmut Kohl) auch etwas von einem enigmatischen Bösewicht hatte.

Leo Kirch verschönte unseren Feierabend nicht aus purem Altruismus: er brauchte und nutzte das frei empfangbare Fernsehprogramm als Abspielstätte seines gewaltigen Filmarchivs; sein emsiges Bestreben, ein einträgliches Bezahlfernsehen zu etablieren, erfüllte sich zu Lebzeiten nicht. Für uns auf der anderen Seite der Röhre bedeutete das, dass es neben alldem, was dort heute noch stattfindet, auch täglich Spielfilme gab. Und zwar nicht nur zeitgenössische Ware oder TV-Movies, sondern immer auch „alte Schinken“ bzw. Klassiker, die unsere Sehgewohnheiten ganz nebenbei und ganz zwangsläufig durchbluteten. Sie waren der Hauptgang des Menüs aus Nachrichten, Volksmusik, Spielshows und Krimis (zur „besten Sendezeit“ oder als „Spätfilm“).
Ich bin sicher: diese Grundversorgung mit Kinofilmen war der Grund dafür, dass meine Generation sich so gut auf unterschiedliche „Look and Feel“s einstellen konnte. Natürlich fanden wir auch vieles doof. Aber es war ganz alltäglich, dass es Schwarzweiß, Technicolor undrealistische Farben gab, Amifilmeund französische Filme, Heimatfilme undcoole Sachen, mit und ohne schwarze Balken, von den Genres gar nicht zu reden.
Heute, da bis auf wenige in den Dritten Programmen rotierende Ausnahmen*, fast gar keine Filme von vor 2000 mehr gezeigt werden, tut sich eine traurige Kluft im Programm auf, die sich ohne Weiteres schließen ließe. Zumindest dann, wenn mit dem verschwinden von Leo Kirch nicht die Senderechte für alle übrigen Filme erloschen sein sollten.

Streaming ist keine Lösung

Das griffbereite Argument, man könne sich doch einem Streamingdienst anschließen, denn dort gäbe es ja auch den alten Kram, hat sich im Selbstversuch nicht bestätigt. Ich habe mehrmals (dreimal) mit guten Freunden vor deren Jumbo-Monitor gesessen und versucht, in der Käsekästchen-Übersicht des jeweiligen Angebots etwas Abgeschlossenes zu finden, worauf wir uns verständigen konnten. Es ist uns nie gelungen, obwohl wir durch ähnliche Vorlieben und Interessen verbunden sind. Und das war nach langen Mühen das Ende der Fahnenstange. Über eine Privatsammlung, auf die wir hätten zurückgreifen können, verfügt heute ja niemand mehr.

Man kommt ins Nachdenken. Fast scheint es mir, als wäre der 90minüter mit abgeschlossener Handlung – im 20. Jahrhundert der Inbegriff der guten Unterhaltung – heute überholt. Es scheint sich für die meisten Menschen nicht mehr zu lohnen, sich auf Figuren einzulassen, die man am nächsten Tag nicht wiedersehen kann. Das ist ein Phänomen, das sich prächtig entwickeln konnte, seit sich das lineare Fernsehen für „Filmkunst“ im weitesten Sinne nicht mehr zuständig fühlt.

Einmal pro Woche sehe ich mir in meinem altmodischen Heimkino noch alte (also von 1920 bis in die Gegenwart reichende) Spielfilme an, und meine Mitzuseher sind sehr junge Leute, die sich gut amüsieren. Ihnen fällt hin und wieder auf, dass es früher gewisse Nachlässigkeiten beim Filmemachen gab, die heute vermieden werden (Anschlussfehler, Naivität in technischen Fragen …). Das Kino der alten Zeit (und damit meine ich ausdrücklich nicht nur Arthaus-Filme!) macht aber auch vieles besser: Atmosphäre, Figurenzeichnung, Filmmusik, solche Sachen.
Hin und wieder funktioniert ein solcher Film sogar ohne einen flamboyanten Bösewicht. Unsere Fernsehbranche kann auf einen solchen offensichtlich nicht verzichten.

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