Die Marvels wie sie wirklich waren: Daredevil / Der Dämon – Ein Mann ohne Furcht (2)

betr.: „Marvel’s Daredevil“

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier wiederzugeben. 

Der Dämon – Ein Mann ohne Furcht
von  Daniel Wamsler
http://dassagtenuff.blogspot.com/ (Fortsetzung vom 13.7.2019)

In Deutschland startete Daredevil seine Karriere unter dem Pseudonym „Devil-Man“ in den Hit Comics des Bildschriftenverlags (Hit Comics Nr. 34). Anscheinend erkannte der Verlag das Potential dieser Serie und „Der Mann ohne Furcht“ bekam von Anfang an sein eigenes Heft. Da sich Daredevil mit ein oder zwei Worten allerdings kaum treffend übersetzen lässt, schielte man wohl auf die Ehapa-Konkurrenz und deren aufstrebende Helden „Superman“ und „Batman“ und wählte die Bezeichnung „Devil-Man“. Zum besseren Verständnis lieferte der bsv die Übersetzung „Teufelskerl“ im Untertitel gleich mit. Mit Blick auf das Doppel-D auf Daredevils Brust Brust (nicht zu verwechseln mit der entsprechenden BH-Größe) wurde der Name Anfang der 70er Jahre in „Der Dämon“ geändert. Williams führte diese Tradition fort, und selbst der Condor Verlag bezeichnete den Helden nach einem kurzen Ausreißer in den frühen Hulk-Taschenbüchern, wo Daredevil  unter seinem Originalnamen agierte, als „Der Dämon“. Abgesehen davon, dass der bsv – wie üblich – inmitten der laufenden US-Reihe startete, verliefen Devil-Mans Abenteuer mit Auslassung von zwei Heften und einem Annual fast chronologisch. Ein ebenfalls ausgelassenes Heft (DD # 37) wurde später noch eingeschoben (Hit Comics Nr. 82 statt 67). Als der bsv 1972 mit „Der Dämon“ als neue Reihe mit Nr. 1 startete, entstand nach den ersten beiden Heften eine riesige Lücke von vierzehn US-Ausgaben (DD # 63-76). Dummerweise folgte mit „Der Dämon“ Nr. 3 ein Crossover mit „Spider-Man“ und „Sub-Mariner“ welches zwischen Sub-Mariner # 39 und 40 spielt. Diese beiden Nummern des Atlantäers erschienen jedoch nie auf deutsch, so dass auch hier die aus dem Zusammenhang gerissene Handlung nur schwer nachzuvollziehen ist. Mindestens genauso unglücklich erschien das letzte deutsche Heft. Die Auflösung des Zweiteilers mit Man-Bull (DD # 79) blieb den Lesern hierzulande ebenfalls vorenthalten.

Daredevil can see
Matt Murdock alias Daredevil kann wieder sehen.
(Alp-)Traumsequenz aus “Daredevil” # 74 – „In The Country Of The Blind“ (März 1971). Autor Gerry Conway spielte den Marvel-Charakteren oftmals übel mit.

Der Williams Verlag verlegte den „Dämon“ auf die hinteren Seiten der „Fantastischen Vier“ wobei die ersten Abenteuer noch etwas ungelenk wirkten. Die Origin Story entstammte einer leicht bearbeiteten britischen Vorlage, welche ein UK-Titelbild (statt ASM # 1) auf der ersten Seite bzw. dem Cover zeigte. Die Panels waren mit Rasterfolie beklebt und zudem in der Höhe leicht gestutzt. Der Name der Anwaltsgehilfin Karen Page wurde in „Karin“ eingedeutscht und für die Fortsetzung entfernte man zwei Bilder zugunsten des Einleitungstextes. Auch erschienen bei Williams Anfang 1974 jeweils separate Titelbilder im Innenteil, von denen zwei verwechselt wurden, so dass der Bösewicht Electro zu sehen war, noch ehe die dazugehörende Story veröffentlicht wurde. Bei der dritten Geschichte wurde insgesamt eine Seite herausgekürzt, was nur allzu deutlich anhand der verbliebenen Originalseitenzahl und den unterschiedlich großen Panelrändern auffällt. Und ausgerechnet„Daredevil“ # 7 (FV # 14-15) stutzte man auf fünfzehn von ursprünglich zwanzig Seiten, so dass Daredevils Kampf mit Aquarius nur allzu kurz ausfiel. Ein letztes Mal wurde bei „Daredevil“ # 8 (FV Nr. 16-17) die Schere angesetzt. Alle folgenden Ausgaben blieben ungekürzt, wenn man von einem schmalen Panel in FV Nr. 85 (DD # 31) absieht, an dessen Stelle der Einleitungstext platziert wurde. Im Anschluss an diese Nummer fehlte das erste „Daredevil Annual“, da Williams generell keine dieser Jahressonderhefte veröffentlichte. Nach fünfzig Originalausgaben in 123 Heften der „Fantastischen Vier“ folgten nur noch die ersten zehn Seiten von DD# 51 (FV Nr. 124), da die FV-Reihe im November 1978 allzu früh eingestellt wurde.

Männer ohne Furcht

Marvel bzw. Herausgeber Stan Lee wählte für Daredevil stets gute Zeichner aus, doch deren „Assignments“ waren meist nur von kurzer Dauer. So wurde Bill Everett direkt nach der Herkunftsgeschichte in Daredevil # 1 und Joe Orlando nach drei Folgeausgaben wieder abgezogen. EC-Star Wally Wood* verweilte immerhin ein ganzes Jahr und wechselte erst, als man die Reihe auf monatliches Erscheinen umstellte. Wood entwarf Daredevils zweites Kostüm und fertigte gleichzeitig gültige Charakterstudien für die Zukunft (vgl. Abbildungen weiter oben) an. Angeblich war das Color Department mit dem ursprünglich gelb/schwarzen Kostüm unzufrieden, so dass Stan Lee nach einer „langen Denkpause für diese Entscheidung von höchster Priorität“ (etwa zwei Sekunden) meinte: „Okay, macht ihn rot!“. Im Januar 1966 folgte ein Zeichner, bei dem Stan Lee ohne dessen Wissen testete, ob dieser fähig wäre, Steve Ditko bei „Amazing Spider-Man“ abzulösen. Lee und Ditko hatten offenbar unterschiedliche Vorstellungen, wie sich die Serie weiterentwickeln sollte. John Romita kam direkt aus dem DC-Lager, wo er jahrelang für die Liebesschnulzen-Abteilung tätig gewesen war. Stellvertretend sei hier nur die Reihe „Young Love“ genannt, von der zwei Hefte beim bsv unter dem Titel „Junge Liebe“ erschienen. Romita zeichnete die Cover und meisten Hauptstorys der US-Ausgaben # 39-54 (# 52 stammt von Gene Colan). Nach seinem Wechsel zu Marvel erschienen noch eine zeitlang einseitige, von ihm illustrierte Beauty Tipps in „Young Love“, die vermutlich lange im voraus angefertigt worden waren. Insgesamt verbrachte Romita sieben Jahre im DC-Romance Department. Laut eigener Aussage kam damals niemand auf die Idee, dass dieselben Künstler auch Superhelden hätten zeichnen können. Carmine Infantino hatte ihn jedenfalls nie gefragt.

Romitas erste Arbeit war zwar gut, sah aber nicht nach „Marvel“ aus, weshalb Jack Kirby gerufen wurde, der kurzerhand die Layouts für „Daredevil“ # 12-13 aufs Papier warf. Nach dieser „Unterrichtsstunde“ durfte Romita ab der Folgenummer dann wieder selbst ran. Der selben Prozedur musste sich auch Mike Esposito unterwerfen, der bei DC vertraglich gebunden war und den Hulk in „Tales To Astonish“ deshalb unter dem Pseudonym Mickey Demeo zeichnete. Zwei Monate nach einem gelungenen Daredevil/Spider-ManCrossover (DD # 16-17 / Williams FV Nr. 42-47) setzte Stan Lee John Romita als neuen Zeichner für „The Amazing Spider-Man“ ein. Da Lee sich nicht weiter dazu äußerste, dachte Romita jahrelang, er würde Steve Ditko nur für eine kurze Weile vertreten, um danach zu Daredevil zurückzukehren. Angeblich konnte er sich nie richtig mit dem Arachniden identifizieren, wogegen die Zeit bei „Daredevil“ seine liebste war (vgl. Interviews mit John Romita in „Once Upon A Time The Super Heroes“ (arte 2002), und „Daredevil“-DVD Bonusmaterial „The MenWithout Fear“, 2003).

Comics Journal 231„Comics Journal“ # 231 mit einem Titelbild von Gene Colan mit Daredevil und dem Spaßvogel (The Jester). März 2001, Fantagraphics Books Inc.

Der Künstler, den man am ehesten mit Marvels klassischem Daredevil identifiziert, dürfte zweifelsfrei Gene Colan sein. Immerhin zeichnete er DD von September 1966 bis April 1973 kontinuierlich, wenn man von den beiden Barry Windsor-Smith Intermezzi (DD # 50-52 und 83) absieht. Auch „Daredevil Annual“ # 1 ging auf Colans Konto und für die Jubiläumsnummer DD # 100 (Juni 1973) holte man ihn ebenfalls ans Zeichenbrett. Danach kam er nur noch sporadisch zum Einsatz, bis schließlich Frank Miller mit DD # 158 das zeichnerische Ruder fest übernahm. Zwar konnte Daredevil  viele namhafte Credits verbuchen, doch blieb eine Kontinuität aus. Sam Kweskin, Rich Buckler, Syd Shores, Don Heck, Jim Starlin, John Buscema, John Byrne, Sal Buscema, Lee Elias, George Tuska, Frank Robbins und sogar Steve Ditko waren kurzzeitig involviert. Die einzigen mit etwas längerer Verweildauer blieben Bob Brown, Gil Kane und DCs Carmine Infantino (DD # 149-150 und 152). Bereits mit „Daredevil“ # 60 hatte man Gene Colan von den Covern abgezogen, so dass die meisten nachfolgenden mit weniger Dynamik auskommen mussten. Vielleicht war Gene Colan bei „Dracula“ kein besonders guter Coverzeichner, doch bei „Daredevil“ zog er alle Register. Vielleicht lag es auch an der Arbeitsüberlastung, jedenfalls stammten die meisten Umschläge in der Folgezeit von Marie Severin, Sal Buscema, Gil Kane, Rich Buckler, John Romita, John Buscema und einigen anderen Zeichnern. Erst DD # 156 und 157 waren wieder von Colan und markierten den bevorstehenden Wechsel. Die Einflüsse Frank Millers, der zunächst als Zeichner, später als Autor für die Serie verantwortlich zeichnete, waren gravierend, aber dies wäre Stoff für ein separates Kapitel.

Marvel Comics Index # 9B„The Marvel Comics Index“ # 9B von George Olshevsky aus dem Jahr 1982. Neben „Daredevil“ werden auch die Serien „Black Panther“, „Shanna The She-Devil“, „Black Goliath“, „Human Fly“ und „Dazzler“ unter die Lupe genommen.

DAREDEVIL-Checkliste der klassischen deutschen Ausgaben 1968-2003 als PDF
Daredevil-Checkliste

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* Sie dazu auch https://blog.montyarnold.de/2018/11/02/mit-wallace-wood-in-den-weltraum/Forts. folgt

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