Das Jungtalent

betr.: Peter Bodganovich zum 80.

Peter Bogdanovich ist der beste Beweis dafür, dass die Pflege großer Vorbilder das eigene Talent befördert. Was in Frankreich seit der Nouvelle Vague gewissermaßen üblich ist, tat er ungewöhnlicherweise in Hollywood: er führte Interviews mit vielen der größten Filmregisseure, schrieb beachtliche und vielbeachtete Artikel und Bücher über sie, ehe er 1967 zum ersten Mal selber Regie führte. Mit 30 hatte er sich zum Posterboy des „New Hollywood“ gemausert. Wie so vielen späteren Schauspiel- und Regielegenden gab der B-Filmer Roger Corman auch Peter Bodganovich seinen ersten Film. Und seinen ersten Star: Boris Karloff, der ihm noch zwei Drehtage schuldete.
Peter Bogdanovich ist heute einer gefragtesten Zeitzeugen und Fachliteraten Hollywoods. Dass man ihn nicht auch zu den größten Filmregisseuren rechnet, hängt neben seinen sonstigen Verdiensten damit zusammen, dass er seine allerbesten Arbeiten ganz zu Beginn abgeliefert und danach noch viele weitere Filme gemacht hat. Ähnlich wie Orson Welles (mit dem er lange Zeit befreundet war), verteilte er sein größtes Geschick auf sein – allerdings vierteiliges – Erstlingswerk.
Diese meisterlichen Filme sind massiv vom Vergessen bedroht und sollen daher noch einmal kurz heraufbeschworen werden.

1968
„Targets“ („Bewegliche Ziele“) erzählt von einem alten Horrorfilmstar, der der Uraufführung seines neuen Films in einem Autokino beiwohnen will, ehe er sich vom Filmgeschäft zurückzieht. (Er führt Gründe an wie „Alle guten Filme sind schon gedreht!“ oder „Meine Art von Schrecken ist heute nicht mehr schrecklich.“) Der wahre Horror bricht in Gestalt eines Snipers über die Veranstaltung herein …
Schmucklos und mit lächerlich kleinem Budget in 25 Tagen gedreht (typisch Corman eben …) ist „Targets“ neben vielem anderen ein sachlicher, kleiner Film über die Liebe der Amis zu Schusswaffen und die Konsequenzen daraus.*

1971
„The Last Picture Show“ („Die letzte Vorstellung“) spielt 20 Jahre vor seiner Entstehung und zeigt uns die Jugendlichen eines texanischen Wüstenkaffs, die mit dem Erwachen ihrer Sexualität auch ein Gefühl dafür bekommen, wie trost- und perspektivlos ihre Leben sind. Das titelgebende Ereignis ist die Schließung des einzigen Kinos am Ort, nachdem dessen Betreiber – der charismatische „Sam der Löwe“ – unerwartet stirbt. Die „letzte Vorstellung“, den Western-Klassiker „Red River“, sehen sich zwei der Helden, Sonny und Duane zusammen an, ehe Duane in den Krieg zieht …
(Seit dem Film ein paar Minuten hinzugefügt wurden, kursiert er nur noch in einer entsetzlichen Neusynchronisation, die überdies auf Breitbild heruntergeschnitten wurde.)

1972
Bei „What’s Up Doc?“ („Is‘ was, Doc?“) herrschte – ähnlich wie bei „Targets“ – ein gewisser Zeitdruck: die Stars Barbra Streisand und Ryan O’Neal waren schon da, aber das Drehbuch noch nicht. Zwei Monate später wurde gedreht. Dennoch gilt diese Klamotte um eine vertauschte Reisetasche als würdiger Nachtrag zum Genre der Screwball-Comedy, einem Komödiengenre, das 40 Jahre zuvor seine Blüte hatte.

1973
„Paper Moon“ ist ein Road-Movie und eine Gaunerkomödie, ein Vater-Tochter-Film und ein heiteres Sittengemälde der Depressionszeit. Der Hochstapler Moses Pray zieht in Begleitung einer rauchenden Neunjährigen als Bibelverkäufer durchs Land. Wir sehen mit Madeline Kahn und Ryan O’Neal zwei Akteure aus dem letzten Film wieder, außerdem O‘Neals Tochter Tatum, die den Oscar für die beste Nebenrolle abräumte.

„Paper Moon“ macht im selben Maße glücklich, in dem „Targets“ verstört, „What’s Up Doc?“ amüsiert und „The Last Picture Show“ tiefe Melancholie verbreitet. Abgesehen vom Namen des jungen Regisseurs gibt es nichts, was diese Filme verbindet.

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* Näheres dazu unter https://blog.montyarnold.de/2016/07/20/das-gegenteil-von-spielberg/

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