Richard Kummerfeldt – An den Rändern der Traumfabrik (2)

Fortsetzung vom 28.7.2019

Diesen Bericht seiner späten Aktivitäten als freier Filmmusikproduzent verfasste Richard Kummerfeldt im Exil in Südamerika für ein (deutsches?) Fachmagazin. Es gewährt Einblicke in die letzten Jahre der Tonträgerindustrie vor deren Verschlafen der digitalen Revolution, in die Welt der käuflichen Filmmusik, die Seele des Sammlers (heute „Nerd“), die Finessen des sich wandelnden Urheberrechts und erzählt von der Arbeit mit schwierigen Bürohengsten und Künstlerpersönlichkeiten in den 90er Jahren.

Die Gründung von Alhambra

Nach meiner fulminanten Pleite mit Celine Records und dem Limelight Schallplattenversand – bedingt durch meine eigenen Fehler in der internen Organisation, sprich: Buchhaltung* – schlugen das Finanzamt und die GEMA gleichzeitig zu. Ob die Forderungen der GEMA berechtigt waren, habe ich nie verifizieren können. Für die eigenen Produktionen hatte ich brav die Gebühren für die Nutzung des Urheberrechts bezahlt. Und was sie nun wollten, war die Bezahlung der Nachlizensierung der aus den USA importierten Schallplatten. Dass da jede Menge von Filmtiteln darunter waren, die niemals ihren Weg nach Deutschland gefunden hatten, störte nicht weiter. Aber ich saß halt auf einem Berg von Rechnungen, die schon in der ersten Addition flott den fünfstelligen Bereich erreichten.

Dass es die GEMA mit ihren Forderungen nicht zimperlich ist, ist nichts Neues. Zumal sie es ihrerseits mit den Ausschüttungen an ihre Mitglieder nicht so genau nimmt, wie ich später feststellen musste. Da ich nun Dich und das Magazin nicht in Schwierigkeiten bringen möchte, werde ich das vielleicht für ein e-book zurückbehalten.

Nach einem Intermezzo als Filmvorführer und Leiter eines kleinen Programmkinos in Pirmasens kam ich nach Hamburg. Die Unvereinbarkeit verschiedener Temperamente verhinderte eine fruchtbare Zusammenarbeit mit Tarantula**. Also nahm ich das Angebot von Victor Rinaldo Cordani (VRC) an, seinerseits Chef der Vertriebsfirma Proton,  für seine Schweizer Firma Videorent zu arbeiten. Aufgabe: Aufbau eines Filmmusik-Labels mit internationalen Titeln. Also nichts mit Martin Böttcher, Rolf Wilhelm, Erwin Halletz usw. Doch wie und wo anfangen? Der Weg zu Varèse Sarabande*** war verbaut, besser formuliert: fest eingeschlossen in den Mauern des Colosseums***. Und wie jeder weiss, hat ein Kolosseum hohe Mauern, an die sich die Zuschauertribünen anlehnen. Es schien, als sollte ich nun von den Eignern eben diesen Komplexes auf die Ränge verwiesen werden. Als Zuschauer.
Sollte ich Chris Küchler böse sein, der bei Varèse die Aufgabe hatte (und noch hat? – Ich weiss es nicht) weltweit Lizenzpartner zu finden? Dazu hatte ich wohl keinen Grund. An seiner Stelle wäre ich wohl auch in das warm gehaltene Nürnberger Bett gesprungen. Und das, obwohl ich es einmal in Paris fertigbrachte mit  Chris Küchler und Kaus P. Hanusa – zu jenem Zeitpunkt Redakteur und Moderator beim RIAS Berlin – in einem Doppelbett zu nächtigen?
Das Übersee-Telefonat mit Varèse motivierte mich jedenfalls, es jetzt noch einmal allen zu zeigen. Zu zeigen, dass ich nicht nur ein Soundtrack-Freak war, sondern die mir von VRC gestellte Aufgabe auch meistern würde.

Bei einem meiner zahlreichen Spaziergänge durch Hamburg fiel mir ein Filmplakat auf: „Straße ohne Wiederkehr“. Unter dem Namen des Komponisten (Karl-Heinz Schäfer) war auch angegeben, dass die Verlagsrechte bei der Edition Dreyfus in Paris lagen. Adresse und Telefonnummer herauszufinden war einfach. Also rief ich dort dummdreist und gottesfürchtig an und trug meine Bitte vor. Dass die deutsche Schallplattenindustrie im Hinblick auf Filmmusik im Dornröschenschlaf lag, führte zu einer gewissen Aufgeschlossenheit. Zwar wollte die zuständige Dame Einzelheiten über den Vertrieb und meine Kenntnisse der Gesamtmaterie wissen, aber wo war das Problem? Ich erzählte etwas von den „Nibelungen“, der „Klapperschlange“, dem „Zauberberg“ und „Mad Max II“**** und Proton. Dieser Minivertrieb aus Hamburg-Bergedorf mutierte zum flächendeckend arbeitenden Großvertrieb. (Ein alter Trick, den schon Colosseum mir gegenüber angewandt hatte.) Wie auch immer: nach zwei, drei weiteren Telefonaten hatte ich den Vertrag in der Tasche. Videorent zahlte die vereinbarte Garantiesumme von 3000 DM, und per Kurier kamen die Master CDR und ein paar Dias mit Standfotos. Daraufhin habe ich alles für die Veröffentlichung vorbereitet … Aber wie sollte das Label eigentlich heißen? Und wie das Logo aussehen?
Die Namenssuche wurde mir übertragen, Logo war Sache des Graphikers. Nach den merkwürdigen Erfahrungen mit dem Namen „Celine“, der oft wie „Zeliene“ oder auch wie „Szilein“ ausgesprochen wurde, suchte ich etwas, was alle gleich aussprechen würden, weil es etwas Schönes, Bekanntes darstellt. Ausgerechnet über den Namen „Colosseum“ kam ich auf den Gedanken, mich doch mal mit den berühmten Bauwerken Europas zu beschäftigen. Und schon bald landete ich in Spanien, bei der Alhambra. In der Hoffnung, dass es niemandem einfällt, „Älhembrä“ zu sagen, schlug ich den Namen vor. Nach kurzer Diskussion angenommen, wurde der Graphiker informiert. Was dabei herausgekommen ist, siehst Du ja tagtäglich. Liest sich eigentlich mehr wie „Ali Lambada“, aber das Gesamtbild prägt sich ein.
Der Label-Code? Da Film und CD im November 1989 auf den Markt kommen sollten, entschloss ich mich für 8911. So einfach war das.

Allerdings kam die CD dann erst im Dezember in den Handel. Alles war fertig – Graphik, Lithos … – als VRC auffiel, dass der EAN-(Strich-)Code fehlte. Also musste der EAN-Code beantragt und die Rückseite neu gestaltet werden. Ich war bitter enttäuscht, musste mich aber der Entscheidung VRCs beugen.
Im Rückblick spielt das Datum eh keine Rolle. Trotz David Carradine (Hauptdarsteller und Interpret dreier Titel auf der CD) floppte der Film gewaltig. Da es zu dieser Zeit noch Schallplattenfachgeschäfte in Deutschland gab, die ein kleines Filmmusik-Fach pflegten, ließ sich die eine oder andere Scheibe in deren Regale stellen.
Insgesamt verkaufte sich der Artikel sehr schlecht. Den größten Teil wurden wir los, indem wir ihn den nach und nach zu Proton stoßenden ausländischen Vertrieben aufs Auge drückten – in Stapeln zu 25 Stück.
Aber ich hatte meinen ersten internationalen Titel: ein Pfund, mit dem es zu wuchern galt.
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* Das ist unter https://blog.montyarnold.de/2019/06/26/der-geheimnisvolle-herr-kummerfeldt/ aus meiner Perspektive nachzulesen.
** Das Filmmusik-Antiquariat „Tarantula“ am Hamburger Piltuspool war lange Zeit einer der ganz wenigen Anlaufpunkte für Soundtrack-Sammler. Die Preise waren ebenso gefürchtet wie die finsteren Blicke des Betreibers Ingo Curth (siehe Kapitel 9).
*** „Varèse Sarabande“ (das è wird von allen wie ein é ausgesprochen) war ein umtriebiger Filmmusik-Herausgeber, der Lizenzen für ausländisches Material erwarb und auch selbst mit den Nürnberger Symphonikern für Einspielungen sorgte. Sein Vertrieb war Colosseum.
**** Diese klangvollen Titel gehörten zu den Soundtracks, die Richard bereits unter dem Celine-Label herausgebracht hatte.
**** Siehe https://blog.montyarnold.de/2019/08/09/14088/

Forts. folgt

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