Was ist Erfolg eigentlich wert?

Verschlungen sind die Verstrebungen und Wechselseitigkeiten zwischen Qualität und Resonanz. Dass der Erfolg der Qualität seines Gegenstandes im Wortsinne recht gibt – wie es die Redensart so schnell parat hat – ist überaus zweifelhaft. (Nach kurzer Überlegung wird mir da jeder zustimmen.)
Doch je nach Sparte schwankt dieses Verhältnis.

Kunst

Auf dem Kunstmarkt ist die Welt noch in Ordnung: wer oder was die größten Preise erzielt, gilt als groß. Wie wertvoll etwas ist, steht haargenau im Katalog.

Konzert

Im Konzertbetrieb ist es genau umgekehrt.

Wenn ein prominenter Musiker wie etwa Lang Lang oder André Rieu große Hallen füllt oder durch Werbung gut verdient, kann nach Meinung unseres Feuilletons etwas nicht stimmen. Mühevoll ist so ein Virtuosenleben trotzdem. Der Geiger David Garrett musste sich einmal in einer Talkshow fragen lassen, ob er nach so vielen Jahren im Geschäft eigentlich noch üben muss. (Siehe dazu auch Fernsehen.)

Buchmarkt

Der Literaturkritik ist – ähnlich wie im vorherigen Punkt – Erfolg grundsätzlich verdächtig. Erfolgsschriftsteller wie Christian Kracht oder Helene Hegemann wurden in ausgiebigen Skandalen durchs Dorf getrieben (nachdem sie jeweils ein beachtliches Leserecho gefunden hatten).
Früher hat man solche Leute einfach ignoriert. Die wenigsten (Welt-)Literaten haben die Zeit überhaupt miterleben dürfen, in der ihre Arbeit Achtung oder gar Geld einbrachte.
In der jungen Bundesrepublik waren „große Schriftsteller“ wirklich angesehene Leute. Sie veröffentlichten nicht nur Bücher und Theaterstücke, sie nahmen auch am politischen Diskurs, schrieben Zeitungsartikel und offene Briefe. Mit der Inflation der Talkshow (siehe auch Fernsehen) löste sich die Institution des kritischen Intellektuellen langsam auf.
Es mag in den 90er Jahren gewesen sein, als mit dem Auftauchen einer neuen Autorengeneration eine Leserbeschimpfung einsetzte, die bis heute andauert (siehe dazu auch Das Publikum).
Ein regelmäßiger Blick die Beststellerliste belegt: wir dürfen uns alle beruhigen. Ein zwingender Zusammenhang zwischen Qualität und Erfolg besteht nicht.

Filmbranche

Dank der Bemühungen solcher Schaumschläger wie Steven Spielberg und George Lucas in den 70er und 80er Jahren gibt es im Kino heute keine Mittelschicht mehr. Film ist nicht länger (oder allenfalls zufällig) Kunst, sondern ein Spekulationsobjekt. Die Art Filme zwischen den ganz großen Blockbustern und den gewollt schwer zugänglichen Arthaus-Produktionen ist praktisch verschwunden. Wer von Zeit zu Zeit einfach solides Popcorn-Kino sehen möchte – amerikanische Filme mit unterschiedlich hohem Anspruch, die etwas mehr als ihre Kosten wieder einspielen wollen – ist heute auf überteuerte Formate zurückgeworfen, die auf dem kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner beruhen müssen, um möglichst viele Zuschauer anzusprechen. Nun bin ich bei „Unterhaltung für die ganze Familie“ naturgemäß gelangweilt. „Bei der Arbeit nach dem Publikum zu schielen, ist der Tod aller Kreativität“, sagte unlängst ein Hollywood-Schauspieler der „Süddeutschen“. Was heutzutage riesigen Erfolg hat, ist zwangsläufig ein Kompromiss (und zwar ein vorauseilender!) – und somit künstlerisch automatisch wertlos.
Die Filmkritik hat andere Kriterien und ist entsprechend ausgewogen bis großzügig.

Serien

Kein Berufstätiger Mensch jenseits des Serienkritikers kann die unzähligen Serien, die in unseren Tagen für Streaming-Portale produziert werden, wirklich alle gesehen haben. Ich informiere mich über dieses Angebot in den zumeist wohlwollenden Kritiken unserer großer Kulturbeilagen. Sobald mich etwas neugierig macht, setze ich mich in Bewegung – und müsste mir als erstes ein Abo zulegen.
Bei mir hat sich diesbezüglich in den letzten 35 Jahren nichts geändert. Meine Serien habe ich mir schon immer danach ausgesucht, ob sie mich inhaltlich interessieren. Man hat ja schließlich eine ganze Weile mit ihnen zu tun …

Theater

Gutes Theater sehe ich selten, obwohl ich inzwischen wesentlich öfter ins Theater gehe als ins Kino. Als Hamburger stehe ich da ein wenig (Pardon!) im Regen, denn hier existiert keine Theaterkritik. In unserer Tagespresse wird fast alles gelobt oder sich in schlichten Nacherzählungen um ein Werturteil herumgedrückt. Sonst beschweren sich die Theaterdirektoren nämlich bei der Redaktion: „Ihr werdet nicht mehr eingeladen! Das habt ihr dann davon!“. Unsere lokalen Presseorgane lassen sich davon tatsächlich einschüchtern …

Popmusik

Nichts Genaues weiß man in diesem Fall. Früher gab es eine Liste von Musiktiteln – das nannte man „Hitparade“ oder „Top 75“. Heute haben wir eine Unzahl von Playlists (die sich bisher niemand die Mühe gemacht hat, ihrerseits in eine Liste einzutragen). Ein belastbares übergeordnetes Ranking, wie gut sich ein Titel verkauft, wird durch die Dunkelziffer illegaler Downloads und durch die Frage sabotiert: hört jemand, der seine Musik aus der Cloud bezieht, eigentlich überhaupt hin? Entsprechend wenig lässt sich über die Angemessenheit des Erfolgs sagen.

Fernsehen

Von keinem Medium seit Einführung der Elektrizität wird sich so häufig ungefragt distanziert wie vom einstigen Leitmedium, der Glotze. „Ich hab gar keinen Fernseher!“ ist der von mir meistgehörte Satz in diesem Kontext. Der Zusammenhang zwischen dem nachlassenden Engagement der Fernsehschaffenden und Programmverantwortlichen und dem schwindenden Konsumenteninteresse ist offensichtlich. Doch noch immer gibt es Quoten, die in den Sendeanstalten für Zufriedenheit sorgen.
Wir fassen zusammen: Das Fernsehen wird für seine Versäumnisse bestraft, aber es merkt nichts davon. Ein entsprechend ausgerüsteter böser Mensch könnte ja mal ausrechnen, was ein als gut gepriesener Marktanteil tatsächlich in Zahlen bedeutet. Es dürfte ein ernüchterndes Sümmchen dabei herauskommen.

Das Publikum

Hier sollten wir die Beurteilung den Betroffenen überlassen: den Medienschaffenden und TV-Prominenten. Ein befreundeter Regisseur, die viel auf Festivals unterwegs ist, meinte einmal zu mir, Publikumspreise interessierten ihn grundsätzlich nicht. Rudi Carrell – der seit seinem Ableben von Weggefährten und Kollegen oft als unangenehmer Mensch beschrieben wird – war aus anderem Holze geschnitzt. Seine Zuschauer hat er offensichtlich geliebt – und sehr gut verstanden.
In der Ära der ausgestellten Selbstreflexion ist das aus der Mode gekommen. Ein gewisser Kieler Tatort-Kommissar sagt immer wieder gern, wie unwichtig dieser ganze Zirkus (seine Filme, seine Arbeit …) doch sei – und schmäht damit zum Glück nur seine Fans und nicht mich. Ein Komödiant – seit mehr als vierzig Jahren ein wirklicher Star und längst Gebührenmillionär – jammerte jahrelang in Interviews, wie schrecklich es sei, „in einem Land Unterhaltung zu machen, das den Gartenzwerg erfunden hat und seine Wochenenden in der ‚Schwarzwaldklinik‘ verbringt“. Sein Publikum reduziere ihn erbarmungslos auf den „Klamotten-Didi“. Inzwischen hat er gemerkt, dass ihm das niemand mehr abnimmt, nun lästert er über die, die ihn als Schauspieler jahrelang unterschätzt haben sollen. Doch gegen den verstorben Publikumsliebling Götz George ist er ein Waisenknabe. Der ging (obwohl sein neuer Film noch gar nicht angelaufen war) vor laufender Kamera auf Thomas Gottschalk los, den er als den Repräsentanten einer grob undankbaren Medienlandschaft ausmachte. Sie alle hat Helmut Kohl in die Tasche gesteckt, unser dauerbeleidigter Rekord- und Wendekanzler.
Fazit: „Herr Ober! Neue Bürger bitte!“

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