Earl Derr Biggers und sein freundlicher Chinese

betr.: 135. Geburtstag von Earl Derr Biggers

Dass einige von uns sich an seine berühmteste Schöpfung immerhin dunkel erinnern können – wenn auch nicht an ihn selbst – verdankt sich einer Filmreihe der 30er und 40er Jahre. Die „Charlie Chan“-Krimis nach den Erzählungen von Earl Derr Biggers waren Anfang der 80er in den Dritten Programmen zu sehen.

Earl Derr Biggers studierte bis 1907 in Harvard. Er kam über eine Humorkolumne und Theaterkritiken zur Belletristik – für Literaturklassiker hat er sich dem Vernehmen nach nicht weiter interessiert. 1913 (ein Jahr nach dem Hinauswurf bei der Zeitung) erschien sein Krimi „Seven Keys To Baldpate“, der nicht nur mehrmals verfilmt wurde, sondern den Musical-Urvater und Volkshelden George M. Cohan* zu einer Bühnenfassung anregte.
Zehn Jahre später erfand Biggers den in Honolulu lebenden Detektiv Charlie Chan. Der hatte trotz seiner chinesischen Herkunft Erfolg in den USA – zu einer Zeit, da man Asiaten gegenüber dort nicht sehr aufgeschlossen war.

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Das Familienfoto aus „Charlie Chan Carries On“ (1931), dem verschollenen ersten Film der Reihe. Über die Schlange verteilt: die Söhne Nummer 1 bis 6, von denen die ersten drei nacheinander mit Papa in aller Welt ermittelten sollten. (Koch Media)

Charlie Chans erste Auftritte im Kino sind nicht mehr erhalten: weder das 1925 realisierte Serial noch der 1927 bei Universal entstandene „The Chinese Parrot“ vom großen Paul Leni, in dem der japanische Zauberer Sojin die Titelrolle spielte. Zwei Jahre später wurde die Erzählung „Behind That Curtain“ verfilmt. Sie existiert noch, aber leider hat man dort den Charlie-Chan-Charakter gestrichen.
1931 spielte erstmals Warner Oland (bezeichnenderweise kein Asiate sondern ein Schwede) den sympathischen Detektiv: übertrieben höflich, sprudelnd von pseudo-fernöstlichen Weisheiten (den sogenannten „Chanagrams“), im schicken Anzug und mit steifem Hut. Diese Charakteristika standen nicht in der Vorlage, sie wurden von Oland und der 20th Century Fox beigesteuert. Dort kam man auch auf die köstliche Idee, Chans Sidekick, den japanischstämmigen Polizisten Kashimo (zunächst gespielt von Otto Yamaoka), durch je einen der Chan-Söhne zu ersetzen. Die herbe Väterlichkeit, die somit auf den Assistenten niedergehen konnte, war ein beständiger Quell der Heiterkeit.

Autor Biggers besuchte die Dreharbeiten in Hawaii und bedankte sich mit einem signierten Exemplar eines Romans beim hawaiianischen Polizisten Chang Apana, den er als Vorbild für Charlie Chan angab. Ehe der ganz große Siegeszug seines Helden einsetzte, starb Earl Derr Biggers 48jährig in Pasadena an einem Herzinfarkt. Er hatte es auf sechs Chan-Romane gebracht.

Warner Oland (der Biggers nie getroffen hat) brachte in seiner Performance das Kunststück fertig, unentwegt zu lächeln, ohne den Eindruck von Verschlagenheit zu vermitteln. Er verschmolz so sehr mit seiner Paraderolle, dass es im Laufe der Zeit neurotische Formen angenommen haben soll. Oland bekleidete den Part ein gutes dutzendmal bis zu seinem plötzlichen Tod im Jahre 1938. Er wurde durch Sidney Toler ersetzt, der (obwohl ein erfahrener Komödiant) sehr viel grimmiger aus der Wäsche kuckte.
1981 spielte Peter Ustinov, der gerade das Krimi-Genre für sich entdeckte, den Part. Der Erfolg lohnte aber keinen weiteren Auftritt.

In keinem Dokument hat sich der Witz von Charlie Chan so prächtig bewahrt wie in einer nur geringfügig übertrieben Parodie: 1978 spielte Peter Sellers diesen Artikel und Pronomen verschmähenden Einwanderer in der genialen Klamotte „Murder By Death“ von Neil Simon.

WangCharlie Chan bzw. Harvey Wang alias Peter Sellers in Chas Addams‘ Vorspann zu „Murder By Death“. (Columbia Tristar Home Entertainment)

Was mich beim Wiedersehen der alten Filme – denen ihre serienmäßige Herstellung durchaus stets anzumerken ist – auf DVD besonders gefreut hat, war die Kombination aus dem unbekümmerten Umgang mit fremdländischen Marotten und Klischees und einer zutiefst sympathischen Figurenzeichnung. Solche radebrechenden Figuren waren in Kinderfunk und Popkultur meiner Jugendjahre weit verbreitet und sind heute pauschal verpönt – ohne dass ich bei mir oder meinen Mitschülern je das Gefühl hatte, sie könnten geeignet sein, Ressentiments zu wecken. Im Gegenteil.
Wer heute mit diesen Filmen ein Problem hat, der tröste sich damit, dass die portraitierte Nation zu den großen Fans von Charlie Chan zählte. In China lief die Serie wie geschnitten Brot und wurde dort sogar weitergeführt.
Danke sehr vielmals!

vlcsnap-2019-08-24-23h52m44s93Damals noch gut wiederzuerkennen: „Charlie Chan“-Gastauftritt im Cartoon (1969).

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* Näheres über Mr. Cohan unter https://blog.montyarnold.de/2016/04/22/broadways-like-that-die-geschichte-des-musicals-5-george-m-cohan/.

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