Simenon heute – ein zweischneidiges Vergnügen

betr.: 30. Todestag von Georges Simenon / Simenon als Hörbuch

Wer einen Kommissar im Fernsehen spielt, ist deswegen noch längst nicht in der Lage, Krimis gut vorzulesen. Diese Annahme wäre etwa so absurd, als würde man dem Schauspieler unterstellen, er könnte auch im wirklichen Leben Fälle lösen und Mörder fangen. Die Hörbuchbranche lässt Krimis und andere Literatur dennoch mit Vorliebe von TV-Ermittlern einlesen. Die Ergebnisse sind oftmals haarsträubend, aber diesmal ist das Publikum wohl selbst schuld: es geht eher nach dem Namen des Interpreten als nach dem Stoff.

Der notorische Schnell- und virtuose Vielschreiber Georges Simenon wäre überrascht, wie angesagt er heute noch ist, war er doch davon überzeugt, bald nach seinem Tode in Vergessenheit zu geraten. Weit gefehlt: zuletzt hat der Autor posthum den langjährig angestammten Verlag gewechselt und wird nun komplett (!) und systematisch neu aufgelegt.

Simenon hat mit den Verfilmungen seiner Maigret-Abenteuer Glück gehabt, und auch die Hörspielfassungen sind meistens vergnüglich. Auf dem Hörbuchsektor sieht die Sache – siehe oben – etwas anders aus. Der gegenwärtig diensthabende Simenon-Einleser ist Walter Kreye, der im ZDF den „Alten“ gespielt hat. Kreye ist allzu verliebt in sein brummelndes Altherren-Timbre, überzieht alles mit einem säuselnden Singsang und schätzt überdies das Satzende nicht. Allzuoft bleibt er am Ende eines Gedankens oder Absatzes mit der Stimme in der Schwebe, was mich beim Zuhören nach kurzer Zeit peinigt wie ein Harndrang. (Um eine niederrheinische Redensart zu bemühen: da könnt‘ ich mich kriminal drüber aufregen.) Als Liebhaber sowohl Georges Simenons als auch des Mediums Hörbuch ist mir die aktuelle Kombination aus beidem leider versagt.

Aber schlimmer geht’s immer, z.B. in der aktuellen filmischen Adaption. Nachdem Rowan Atkinson den „Kommissar Maigret“ zuletzt sehr ordentlich aber in unerträglich kitschiger Verabreichung fürs Fernsehen gespielt hat*, ist nun ein neuer Darsteller für’s Kino gefunden worden: Gérard Depardieu. Der aktuelle Verleger des Autors, Daniel Kampa, freut sich über diese Wahl, denn: „den Depardieu, den kennt ja nun wirklich jeder!“
Da ist er wieder, der verlegerische Gesichtspunkt.
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2017/01/06/ein-krimi-zum-lutschen/

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