Richard Kummerfeldt – An den Rändern der Traumfabrik (6)

Fortsetzung vom 30.8.2019

Diesen Bericht seiner späten Aktivitäten als freier Filmmusikproduzent verfasste Richard Kummerfeldt im Exil in Südamerika für ein (deutsches?) Fachmagazin. Es gewährt Einblicke in die letzten Jahre der Tonträgerindustrie vor deren Verschlafenen der digitalen Revolution, in die Welt der käuflichen Filmmusik, die Seele des Sammlers (heute „Nerd“), die Finessen des sich wandelnden Urheberrechts und erzählt von der Arbeit mit schwierigen Bürohengsten und Künstlerpersönlichkeiten in den 90er Jahren.

Ein Loch im Lattenzaum

Nach diesem Schnellschuss machte ich mich an die nächsten Titel von General Music. Das Weihnachtsgeschäft beginnt halt schon im September.
„The Wanderers“ hatte ich zuletzt erfolgreich verdrängt und das Projekt nach der letzten Absage von Warner Bros. USA im Grunde auch abgeschrieben, als mir Peter Kiefer, seinerseits Leiter des Außendienstes, an einem verregneten Herbsttag freundlich lächelnd die CD auf den Tisch legte. Ein Billiglabel aus Lüneburg hatte die CD gerade auf den Markt gebracht. Was konnten die, was ich nicht konnte?
Etwas ratlos suchte ich die CD nach der obligatorischen Zeile „Manufactured under licence from …“ ab. Aber da war nichts. Absolut nichts. Sollte ich ein Bootleg in meinen Händen halten? Meine Nachfrage bei Proton wurde mit einem Schulterzucken beantwortet. Ich schaute mir daraufhin andere Produkte aus diesem Hause an und stellte fest, dass nicht ein Produkt einen Hinweis auf den Lizenzgeber trug.
Sehr merkwürdig. Was war das Geheimnis dahinter?
Da ich an meinem Arbeitsplatz keine Antwort bekam, wandte ich mich an die IFPI. (Das ist die „Spitzenorganisation der Phonographischen Wirtschaft“ die mit Argusaugen darüber wacht, dass in Deutschland keine „schwarz“-gepressten Tonträger in den Handel kommen. Die sollten mal nach Ecuador kommen, sie könnten hier locker an einem einzigen Tag hunderte von Existenzen vernichten!) Ohne mein Anliegen zu verraten, besorgte ich mir einen Termin bei deren Anwalt. Bewaffnet mit meinem ganzen Schriftverkehr bezüglich des Titels und der CD, machte ich mich auf den Weg. Freundlich empfing mich der Rechtsanwalt, ein Dr. Gerd Kukuk. Geduldig hörte er sich meine Geschichte an, um dann anschließend zu erklären, er kenne diese Firma in Lüneburg, und wenn sie die CD veröffentlicht hat, wird sie schon entsprechende Verträge haben – eine erstaunlich gelassene Reaktion. Wir waren schon bei der Verabschiedung, als er meine Büro- und auch meine Privattelefonnummer haben wollte. Ich gab ich ihm beides, und der Herr Dr. Kukuk meinte, wenn er irgendetwas in Erfahrung brächte, würde er mich anrufen. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass ich von Herrn Kukuk nie wieder etwas hören würde. So kann man sich irren.

Ich machte also weiter, wo ich aufgehört hatte. Von Edition Dreyfus lizensierte ich noch „Der Mann, der aus dem Regen kam“ und  das Hossein-Epos „Ich tötete Rasputin“, ein genialer Flop übrigens.
Ich hätte lieber „Sheherazade“ gemacht, eine wirklich farbenprächtige Musik. Aber den Lizenzinhaber konnte ich niemals ausfindig machen. Die Nürnberger Symphoniker hatten übrigens Jahre vorher eine Konzertfassung dieser Musik eingespielt. Im Auftrag des Schahs von Persien. Aber bevor der Schah sein Auftragswerk entgegennehmen konnte, musste er ins Asyl flüchten und hatte fortan andere Probleme. Colosseum veröffentlichte „Sheherazade“ mit den anderen Schah-Titeln in einer Box. Der mäßige Verkaufserfolg dieser Box machte dem Verantwortlichen Armin Luther wenig Appetit, diese Musik als Einzel-CD zu veröffentlichen. Vermutlich hatte er Recht. Wem wollte man diesen Tonträger mit einem in Deutschland weitgehend unbekannten Komponisten und der Musik zu einem längst vergessenen Film schon verkaufen? Der Sammler – das unbekannte Wesen.

Forts. folgt

 

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