Die wiedergefundene Textstelle: Monolog Norman Bates („Psycho“)

betr.: 27. Todestag von Anthony Perkins

Anthony Perkins war so erfolgreich mit seiner Verkörperung des liebenswerten Psychopathen Norman Bates in ersten modernen Horrorfilm, dass er die Rolle „nie mehr loswurde“, wie es dann immer so schön heißt. Und so manches mal mag er auf dem Weg zur Bank darob geweint haben, wenn er seine Gage abheben ging.
Vielleicht hat er den  Erfolg und das lebenslange Interesse aber auch genossen; so ganz genau wissen wir es nicht.
In dieser Szene, die als Monolog wiedergegeben wird, ist er einfach nur ein schüchterner Junge an einem einsamen Ort, der begreiflicherweise nervös wird, als sich während einer Gewitternacht eine attraktive Blondine in seinem ansonsten leeren Motel einquartiert.
Seit sie die Hauptstraße verlegt haben, hat er hier nicht mehr viele Gäste und noch weniger Ansprache …

Nein, ich hatte ihretwegen durchaus keine Un-Unannehmlichkeiten. Es … (äh) Mutter (äh) ich meine meine Mutter … warum soll ich lügen…sie ist nicht mehr so ganz beieinander.
Täte mir leid, wenn Sie … jetzt keinen Appetit mehr hätten. Ich weiß schon, es ist bestimmt wegen der dummen Streiterei.

Hören Sie, drüben in meinem Büro, da ist es … da ist es viel wärmer und gemütlicher. … Das heißt … in dem Büro, finde ich, ist es doch nicht so gemütlich. Das Wohnzimmer ist gleich hier.

Setzen Sie sich!

Nehmen Sie ruhig alles, ich hab‘ nämlich gar keinen Hunger. Sie essen wie ein kleiner Vogel … glaube ich zumindest. Immerhin, Sie kennen den Ausdruck „isst wie ein kleiner Vogel“, aber das ist fa… fal… falsch ist das, in Wirklichkeit fressen Vögel, auch die kleinsten, eine Unmenge. Wissen Sie, eigentlich weiß ich gar nicht sehr viel über Vögel, denn mein Hobby ist, alles Mögliche zu… auszustopfen. Das heißt, allerdings stopfe ich am liebsten Vögel aus. Ich hasse den Blick von großen und wilden Tieren, wenn sie tot sind. Manchmal stopfen Menschen sogar Hunde und Katzen aus; das könnt‘ ich nicht. Die großen aufgeris­senen leeren Augenhöhlen… Vögel sind viel netter und nicht so menschenähnlich.

Es ist schon ein etwas ungewöhnliches Ho-hobby, aber … es ist gar nicht so teuer wie Sie denken. Sogar billig. Ein Dutzend Nadeln, Garn, Sägemehl…ja die Chemikalien natürlich, die sind teuer.
Genaugenommen ist es für mich sogar viel mehr als ein Hobby. Ein Hobby vertreibt einem die Zeit, aber es füllt sie nicht aus.
Nicht, dass Sie denken, mein Leben wäre nicht auch so schon … schon sehr ausgefüllt. Ich hab‘ schon ’ne Menge Arbeit. Da .. da sind … da sind die Zimmer, da ist das Haus, der große Garten und dann ist meine Mutter da. Ich sagte Ihnen ja schon, dass sie ein bisschen sehr hilflos ist.

Nein, ich habe keine Freunde. Der beste Freund für einen Mann ist seine Mutter.
Sie haben keine einsamen Momente in Ihrem Leben? Keine Leere… sehen Sie!
Äh, wo fahren Sie jetzt hin? Ich wollte nicht neugierig sein, verzeihen Sie.

Ich habe das Gefühl, Sie sind vor irgendetwas auf der Flucht … wir können unserem Schicksal sowieso nicht entgehen.

Der Regen hat nicht lange angehalten. Mir kommt das Leben vor, als wenn wir … in unserer eigenen Falle gefangen sind. Wie Ratten, für die es dann auch keine Rettung mehr gibt. Wir …wir kratzen und …und schlagen, aber… aber nur in die Luft… oder uns gegenseitig. Wir kommen dadurch der Freiheit nicht einen Zentimeter näher.

Ich bin in meiner Falle geboren worden. Ich hab‘ mich damit abgefunden.
Oh, ich kämpfe durchaus dagegen, (kurzer Lacher) aber es glückt meist nicht.
Und dann ist da ja noch … Mutter.
Ja, manchmal, wenn sie so rumgetobt hat, könnt‘ ich hochgehen vor Wut. Dann könnt‘ ich sie verfluchen, sie rücksichtslos im Stich lassen oder sie wenigstens überhaupt nicht mehr ansehen… aber ich kann es nicht. Sie ist krank.
Ich meine, anders krank. Nach meines Vaters Tod hat sie m-mich allein aufziehen müssen. Ich war erst fünf, und es war ein schwerer Schlag für sie. Nicht, dass sie Sorgen hatte, Vater hatte ihr genug Geld hinterlassen, aber sie fühlte sich so schrecklich einsam. Ein paar Jahre danach, da begegnete Mutter diesem Mann, der sie zu allem möglichen überredet hat, auch zum Bau dieses Motels. Er hätte alles von ihr haben können, nicht nur Geld. Und als er schließlich starb, da ist… da ist sie völlig zusammengebrochen. Und … und wie er gestorben ist (lacht), aber das ist keine Geschichte, um sie beim Essen zu erzählen. Jedenfalls hat sie sich davon nicht mehr erholt. Jetzt hat sie niemand mehr.
Außer mir.
Aber, ein Sohn ist kein Ersatz für einen Liebhaber.

Ich kann nicht einfach fortgehen, davonlaufen wie Sie. Das ist ausgeschlossen. Wenn ich ginge, wäre sie da oben völlig hilflos. Das Feuer würde ausgehen, und es würde kalt und feucht wie im Grab sein. Wenn man jemanden liebt, verlässt man ihn nicht, auch nicht im Hass. Verstehen Sie mich recht? Ich hasse sie nicht. Ich hasse, was aus ihr geworden ist. Ich hasse ihre Krankheit.

Ha! Ich weiß, was Sie denken. Ich weiß es! Sie meinen, ich sollte sie in eine Anstalt? Sie meinen in ein Irrenhaus? Warum drücken sich denn die meisten vor dem Wort „Irrenhaus“ und sagen „irgendwohin“.
Was … was wissen Sie davon? Haben Sie jemals so ein Haus von innen gesehen? Das Kreischen gehört, die Tränen gesehen in den ausgebrannten, leeren Augen? Meine Mutter da drin? .. Nein, Mutter ist harmlos. Sie ist, sie ist… sie ist so harmlos wie diese ausgestopften Vögel.
Alle Menschen meinen es viel zu gut. Sie können sich gar nicht genugtun an Herzlichkeit und Güte, sie reden und tratschen und kommen mit den herrlichsten Ratschlägen…  Ich habe natürlich auch schon mit dem Gedanken gespielt, aber es wäre gemein. Mutter hängt nur an mir. S – sie .. s – sie ist weder verrückt noch wahnsinnig oder tollwütig oder so. Sie ist höchstens ein wenig bösartig. Und auch nur manchmal. Aber sind wir Vernünftigen nicht auch manchmal bösartig?
Sind Sie es nicht auch ab und zu mal?

Oh, äh, wollen Sie denn schon… schon auf Ihr Zimmer gehen?
Müssen Sie?
Und ich kann Sie nicht überreden … äh,  … noch ein Stündchen mit mir zu plaudern?
Hm, hm, verstehe. Wollen Sie sehr zeitig aufstehen? Wann darf ich Ihnen Frühstück bringen?
Ja, das tu ich, Miss…? … Crane, ja richtig.
Gute Nacht!

Nach einem Drehbuch von Joseph Stefano auf der Basis einer Erzählung von Robert Bloch

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