Die Melancholie des Langstreckenläufers

betr.: Till Raethers „Abschiedskolumne“ vom Serienfernsehen im„SZ-Magazin“

Ein anerkannter Entertainment-Experte namens John Cleese sagte einmal in einem Interview-Nebensatz, eine 90minütige Geschichte sei nun einmal das Beste, was es gäbe. Er wollte sich mit dieser Einordnung von der kleinen Form absetzen, die er und seine Kollegen in ihren Kinofilmen hin und wieder pflegten: Sketche statt einer durchgehenden Handlung. Doch sie gilt auch umgekehrt. 90 Minuten sind auch dann gar nicht so übel, wenn die Alternative „Serie“ heißt, also eine immens lange Geschichte, bei der nicht nur das Ende nicht abzusehen ist, sondern man auch noch auf die Fortsetzung – die nächste Staffel – monatelang warten muss.

Als notorischer Nicht-Abonnent irgendeines Anbieters bin ich ohnehin aus diesem Teufelskreis ausgeschlossen. Doch obwohl mir das aktuelle Filmangebot keine Alternative bietet, macht es mich ein bisschen traurig, schon so lange keine Serie mehr gefunden zu haben, die ich wirklich bingewatchen wollte.
Im Grunde geht es mir so wie Till Raether in seiner „Abschiedskolumne“ im aktuellen „SZ-Magazin“ – nur mit anderen Vorzeichen. Mir fehlt beides: eine regelmäßige Versorgung mit zeitgenössischen Must-Sees im Kino wie auch im Fernsehen (es muss ja nicht das lineare sein).

Bleiben wir noch ein wenig bei den Gemeinsamkeiten: auch ich sehe den Zenit der Kunstform „epische Dramaserie“ oder wie das heißt als überschritten an.
Auch die Klage, „die meisten Serien“ handelten „immer noch und immer wieder von Männern, die durch ihr destruktives Verhalten sich und andere in die Bredouille bringen (ggf. quälen oder töten) und dafür nach vielen, vielen Stunden dennoch eine Art Erlösung erfahren. Oder von Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen und am Ende über sich und die Verhältnisse hinauswachsen, aber menschlich bleiben“, leuchtet mir ein. (Wie gesagt: unbesehen, aber immerhin.)
Inwiefern das Kino „vom industriellen Zwang zur Neu-, Wieder- und Comicverfilmung abgesehen“ „diverser“ geworden sein soll (diverser als früher bzw. diverser als die heutigen Serien mit den zwei genannten Sujet-Variationen), kann ich mir allerdings nicht vorstellen. Wie sollte es denn möglich sein „vom industriellen Zwang zur Neu-, Wieder- und Comicverfilmung“ abzusehen? Vom „Arthaus-Kino“ allein werde ich nicht satt, ein bißchen Mainstream muss auch sein. Schließlich bin ich ein Kind jener Jahre, da sich Kommerz und Qualität nicht ausschlossen, ganz im Gegenteil …

Immerhin habe ich festgestellt, dass auf Bahnfahrten meine Dankbarkeit und Nachsicht enorm steigt und mir auch Mehrteiliges wieder Freude machen kann. Die (auch von Till Raether insinuierte) Sorge, zu leichtfertig kostbare Lebenszeit zu verplempern, fällt ja weg. Und beim Aussteigen denke auch ich (hier wieder eine Gemeinsamkeit): „das (…) hat eigentlich völlig gereicht, denn den Rest kann ich mir denken“.

Aber ich mache mir nichts vor. Über kurz oder lang werde ich wieder Lust auf was Großes mit vielen Fortsetzungen haben. Zur Not werde ich mir eine meiner alten Lieblingsserien nochmals anschauen, vielleicht sogar eine richtig alte.
Jawoll, eine richtige „Wiederholung“!
Obwohl John Cleese sicher recht hat.

Dieser Beitrag wurde unter Fernsehen, Film, Gesellschaft, Medienphilosophie abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.