Die schönsten Filme, die ich kenne (97): „Paper Moon“

betr.:  77. Geburtstag von Madeline Kahn*

In der Zeit der Großen Depression boten die Art-Deco-Musicals der Warner Bros. und der RKO eine Gegenwelt zur traurigen Realität. Das andere Genre der Stunde war der Gangsterfilm, der den Verhältnissen zwar schon deutlich näherkam, aber auch er bot mit seinen Barmädchen und Nadelstreif-Ganoven soliden Eskapismus. Erst Ende der 30er Jahre wagten etwa die Literaturverfilmungen „Früchte des Zorns“ oder „Von Mäusen und Menschen“ ein realistischeres Bild des allgemeinen Elends.
Der 1973 in Schwarzweiß realisierte „Paper Moon“ ist neben des Beitrags von Laurel & Hardy „One Good Turn“ sicherlich der heiterste Blick auf diese Zeit.

Am Grab einer Ex-Geliebten bekommt der Trickbetrüger Moses (Ryan O’Neal) deren Tochter aufs Auge gedrückt – und mit Bestimmtheit wissen wir nur, dass es im wirklichen Leben auch seine eigene (Tatum O’Neal) ist. Addie soll bei einer Tante abgeliefert werden. Auf dem Weg dorthin nervt sie Moses mit ihrer schlechten Laune und ihrem Dickkopf. Bei dessen Fischzügen als betrügerischer Bibelverkäufer erweist sich die zigarettenrauchende Göre jedoch als hilfreiches Naturtalent. Dennoch lässt Moses keinen Zweifel daran, dass er sie wie geplant abliefern will. Addies Laune verfinstert sich noch mehr, als Moses eine vulgäre Cabaret-Sängerin zusteigen lässt, die ihn ganz offensichtlich längerfristig ausnutzen möchte …

Im makellosen Frühwerk von Peter Bogdanovich ist „Paper Moon“ das größte Feelgood-Movie – und das, obwohl er auch Tiefgang und große Gefühle mitbringt. Diese werden sich jedoch niemals eingestanden. Die Helden gebärden sich so abgebrüht und berechnend, wie es ihnen beim jeweiligen Stand ihres Hahnenkampfes eben möglich ist. Das bereitet uns ein solches Vergnügen, weil der Film nicht die gesamte Buchvorlage nacherzählt, sondern im entscheidenden Augenblick – ganz buchstäblich – eine andere Abzweigung nimmt und uns auf der Landstraße stehenlässt.
Die 9jährige Tatum O’Neal ist für ihre Darstellung zu recht hinlänglich gelobt und sogar mit einem Oscar belohnt worden, deshalb soll es hier noch kurz um den Regisseur gehen, der ihr die Bühne dafür bereitet hat. Die kleine Addie ist von Anfang an ein burschikoses Früchtchen, das sich die Butter nicht vom Brot nehmen lässt, und Bogdanovich hat alle Hände voll zu tun, sie mit einem Rest von Kindlichkeit, Weiblichkeit und Herz zu versehen, ohne ihr Image zu hintertreiben. Die Szene, in der sie eins von Moses Opfern vom Haken lässt, weist bereits in diese Richtung, doch das ist ebensosehr ein Gag auf dessen Kosten.
Einmal, als sie unbeobachtet ist, posiert sie vor dem Spiegel und stellt sich vor, eine erwachsene Frau zu sein. Natürlich wäre es ihr höllisch peinlich, dabei erwischt zu werden. Und selbstverständlich bestünde dazu kein Anlass. Das Ergebnis ist verblüffend: Tatum / Addie präsentiert sich als menschliches Wesen – und gleichzeitig als ein Kind, das uns zu keiner Zeit auf die Nerven geht.
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* Die früh verstorbene Komödiantin hat nur eine Nebenrolle, doch sie nutzt diesen Part für einen köstlichen Monolog. Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2019/07/29/13995/

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