Die Aufblende (2)

Fortsetzung vom 23.9.2019

Ich muss dazusagen, dass die Udo-Jürgens-Erfahrung nicht das erste Beispiel war, das mich in dieser Weise verärgert hat. Zuvor war ich schon an „Strangers In The Night“ verzagt. Frank Sinatra stimmt sein berühmt gewordenes „Dubidubiduuu“ an, und während er auf einmal ganz privat und knuffig wird – ohne seinen professionellen Sex-Appeal auch nur im Mindesten zu verraten – zieht uns der Techniker diesen historischen Moment auch schon unwiderbringlich unterm Hintern weg. Ein großartiger Song, der am Ende einfach nur leiser wird und verschwindet, wirkt unfertig. Es hinterlässt mich wie einen Hungernden.

Ich wurde älter, auch ich traf mich mit Frauen, aber keine davon vermochte meinen prinzipiellen Kummer zu vertreiben. Der Musikfreund in mir blieb verschnupft – obwohl ich zugeben muss, dass die meisten Ausblenden in der Schlagermusik eine Wohltat gewesen sind. Geradezu eine Rettung. Ohne sie hätte ich die nun heranbrechenden 80er Jahre vielleicht gar nicht so heil überstanden. Die Jahre kamen und gingen, die Frauen auch. Mein Wunsch, ein schöner Moment möge sich dehnen und vollenden lassen, blieb.
Und so wurde ich hellwach, als ich eines Tages auf einer längeren Bahnreise einen Mann kennenlernte, den ich sofort als Altersgenossen erkannte. Unser Smalltalk brachte zutage, das auch er einen gewissen Niveauverlust in der Populären Musik beklagte. Er brachte mich zum Lachen, indem er Tony Bennett zitierte: „Nach dem Art Deco kam nur noch Mist!“
Wie sich herausstellte, war er weitaus tiefer in mein kleines Lieblingstrauma verstrickt als ich geahnt hätte. Er war nämlich einmal Tonmeister gewesen und hatte sogar mehrmals Nena den Hahn zugedreht.

Gero, so sein Name, war darüberhinaus auch ein großer Tüftler. Er erzählte mir, er habe einmal ein tolles Schallplatten-Entknackungssystem entwickelt, doch leider hatte niemand in seinem Umfeld Verbindungen zur Unterhaltungselektronik. Und dann habe es ihn eh in eine ganz andere Branche verschlagen, und seine Ambitionen seien versiegt.
Ehe ich in Kassel-Wilhelmshöhe umsteigen und unsere Unterhaltung beenden musste, bat ich ihn um seine Telefonnummer. Ich hatte das Gefühl, es müsse lustig sein, seine alte Leidenschaft wieder zu wecken. Mir war ein Thema eingefallen, dass mich noch weitaus mehr begeisterte als das Entknacken alter Aufnahmen. Aber davon wollte ich ihm in Ruhe erzählen.
Beflügelt wie noch nie beim Anblick des Bahnhofs Kassel-Wilhelmshöhe stieg ich aus dem Zug. Ich kannte nämlich noch jemanden: den Nachtwächter eines Gewerbehofs, auf dem sich ein Klanglabor befand, das kürzlich wegen eines Skiunfalls geschlossen hatte. Und dieser Nachtwächter schuldete mir noch einen größeren Gefallen.

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