Zu wahr um schön zu sein

betr.: „Joker“ von Todd Phillips

„Joker“ ist tatsächlich so herausragend wie alle (inklusive des Feuilletons) es sagen. Doch das Vergnügen ist nicht ungetrübt. Zunächst einmal ist es genau die Qualität des Films, die mich nachdenklich stimmt. Obwohl er als gradlinig erzähltes Verliererdrama auch ohne jeden Batman-Bezug bestens funktionieren würde, hätte er so vermutlich keine Finanzierung erfahren. Und wenn doch, hätte er kaum diese Verbreitung gefunden – die Gesetze der Serie sind unerbittlich. Immerhin wäre ihm dann die Mitwirkung seines größten Stars Robert De Niro erspart geblieben, dessen Schauspielerei selbst in dieser kleinen, repräsentativen Schlüsselrolle ganz und gar armselig ist (- das muss man einfach gesehen haben!).
Außerdem fielen mir tatsächlich die besonnen formulierten Proteste im Vorfeld auf die Füße. Sie sind berechtigt.

„Joker“ wird in vielen Rezensionen mit der blutrünstigen Selbstjustiz-Mission des De Niro-Charakters aus „Taxi Driver“ verglichen. Doch dieser reagierte sich nicht an „der Gesellschaft“ ab, sondern rettete eine schöne Maid aus den Händen eines Gangsterrings, um sich danach einstweilen (!) wieder zu beruhigen und feiern zu lassen. Der Joker hingegen ist eher so etwas wie ein Influencer, der ein Heer von Frustrierten außer Rand und Band geraten lässt – plündernd und brandschatzend, so sinnlos wie nachhaltig. Er selbst wird solo weitermorden.
Mich stört weniger die finale Gewaltorgie; sie ist dramaturgisch schlüssig und wird nicht unnötig ausgebreitet. Außerdem ist „Gotham City“ (eine Stadt, in der es – wie wir erfahren – sogar eine Wall Street gibt) derartig verrottet, dass eine Verwüstung gar nicht möglich ist.
Aber ich bin nun mal ein Eskapist. Zerstreuung ist die vornehmste Pflicht des Kinos. Ich liebe Geschichten mit Anspruch, aber letztlich will ich verblüfft und mit der Ahnung eines Ausweges bezaubert werden. Stattdessen lotste mich der Film genau in jenen Teil unserer Wirklichkeit zurück, deren kurzfristiges Vergessen ich mir gewünscht hätte: in eine Gesellschaft in der immer mehr fantasielose Jammerlappen als Nachahmer eines dubiosen Role Models  Amok laufen.

Der letzte Film, aus dem ich mit einer solchen Verstimmung herauskam, war bei aller Qualität längst sich so unterhaltsam wie „Joker“. Der Held (wiederum Joaquin Phoenix) ist auf die Romanze mit einer virtuellen Konkubine zurückgeworfen, weil sich seine Mitmenschen komplett in ein steriles Second Life verabschiedet haben. Obwohl wir ganz so tief noch nicht gesunken sind, bereitete mir „Her“ eine schlimme Hyperrealismusvergiftung.
Sowas kann sehr beeindruckend sein, aber es gilt das strenge Urteil meiner Deutschlehrerin: Thema verfehlt!

Dieser Beitrag wurde unter Film, Gesellschaft, Medienphilosophie, Rezension abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.