Die wiedergefundene Textstelle: „Parole Chicago“

betr.: 63. Geburtstag von Christoph Waltz

Ab September 1979 liefen 13 Folgen der Krimi-Comedy „Parole Chicago“ – die Bezeichnung „Schmunzelkrimi“ wäre zu herzlos, denn es handelte sich um eine wirklich brillante Persiflage. Die Autoren transportierten die Vorlage von Henry Slesar ins Berlin der Weimarer Republik, blendete aber deren politische Aspekte völlig aus. Was heute unweigerlich den Groll der nicht-zusehenden Besserwisser erregten würde, bekam der Komödie sehr gut. Das Kolorit wurde unangestrengt aber akkurat heraufbeschworen.

„Parole Chicago“ war ein Produkt für den ARD-Vorabend, ein Format also, dass sich an die heimgekehrten Schulkinder richtete, das erwachsene Publikum aber nicht aussperrte, finanziert von der Deutschen Fernsehwerbung, die damals ausschließlich in diesem Zeitfenster zwischen 18 und 20 Uhr stattfinden konnte.

Die festen Nebenrollen waren mit köstlichen (und arg unterrepräsentierten) Komödianten wie Monika John und Joachim Wichmann besetzt, und in der Hauptrolle glänzte der heute größte internationale Filmbösewicht Christoph Waltz – hier noch als notorisch ungeschickter Lehrling des Verbrechens.
Jede der 13 Folgen begann mit einem neu formulierten aber inhaltlich identischen Prolog, in dem uns der zwanzigjährige Ede (Waltz) seine neue Freundin und seinen abgrundtief bösen Cousin vorstellt. Auch für Waltz‘ ganz und gar unberlinerischen Zungenschlag findet sich hier eine Erklärung …

Ich heiße Eduard, aber mein Cousin Harry sagt immer Ede zu mir. Er sagt, Ede klingt mehr nach Unterwelt. Das ist übrigens meine neue Flamme ____.
Ich bin Botenjunge in einem Kleidergeschäft, und Harry lernt beim Steuerberater Kaffee und Zigaretten holen – aber wahrscheinlich nur zur Tarnung.
Meine Mutter glaubt, dass Harry und ich die besten Jungs der Welt sind. Ein Glück, dass sie nichts weiß – das Herz im Leibe würde ihr zerspringen.  Denn Harry ist ein Verbrecher! Der schlimmste, den ich kenne – und ich kenne eine Menge aus dem Kino. Al Capone ist ein feuchter Kehricht dagegen.

Mich überläuft es immer heiß und kalt, wenn ich darüber nachdenke, was Harry für Pläne wälzt! Ein Glück für die Menschheit, dass manchmal nichts draus wird. Wenn man’s genau nimmt, wird eigentlich nie was draus, aber eines Tages wird er’s den Leuten schon zeigen – sagt er. Und ich bin seine rechte Hand, ob ich will oder nicht. Harry hat so was an sich, da kann ich nicht gegen an – und wenn meine Zähne noch so klappern!
Ich weiß nicht, warum er ausgerechnet mich zu seinem Komplizen gemacht hat, aber er sagt, er braucht mich. Und das ist ja auch ein ganz schönes Gefühl, denn Harry ist wirklich genial. Kalt wie ‘ne Hundeschnauze!

Dorothee ist ein sehr liebes Mädchen und ungeheuer in Harry verknallt. Sie wohnt bei ihrer Oma und lernt Klavierspielen. Sie darf davon natürlich auch nichts wissen. Aber wahrscheinlich würde sie es sowieso nicht glauben. Sonst wär’s wahrscheinlich aus mit den beiden – Frauen sind da komisch.

Es ist nicht immer leicht, sich nichts anmerken zu lassen. Meine Mutter kuckt manchmal schon recht komisch. Allerdings meint sie dann meistens nur, ich hätte Fieber oder so.
Als Kind war ich nämlich etwas schwach auf der Brust, deshalb bin ich bei Onkel Bruno in Bayern aufgewachsen. Die Luft soll dort irgendwie anders sein. Das hat prima geholfen, und meine lässige süddeutsche Art kommt bei den Mädels hier recht gut an.
Ich weiß gar nicht, warum die immer alle meine Briefmarken sehen wollen … aber das ist sowieso egal. Meistens ruft Harry immer gerade dann an, wenn die Beziehung zu meiner neuen Flamme in ein entscheidendes Stadium tritt …

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