Richard Kummerfeldt – An den Rändern der Traumfabrik (10)

Fortsetzung vom 28.9.2019

Diesen Bericht seiner späten Aktivitäten als freier Filmmusikproduzent verfasste Richard Kummerfeldt im Exil in Südamerika für ein (deutsches?) Fachmagazin. Es gewährt Einblicke in die letzten Jahre der Tonträgerindustrie vor deren Verschlafen der digitalen Revolution, in die Welt der käuflichen Filmmusik, die Seele des Sammlers (heute „Nerd“), die Finessen des sich wandelnden Urheberrechts und erzählt von der Arbeit mit schwierigen Bürohengsten und Künstlerpersönlichkeiten in den 90er Jahren.

Eine Lücke im Urheberrecht

Mit Ingo hatte ich vor dem anstehenden WEA-Termin kurz über die Strategie gesprochen. Eigentlich einfach: sich dumm stellen, Bedauern zum Ausdruck bringen und eine mögliche Straflizenz akzeptieren. Bloß keine Klage riskieren! Einen Prozess hätte Ingo mit Pauken und Trompeten verloren, und das Ganze hätte auch Auswirkungen auf den Verlag gehabt, wäre im „Musikmarkt“* breitgetreten worden und Ingo (und vielleicht auch ich) wären zu personae non grata erklärt worden. Die Anwältin – ihr Name war übrigens Christina Haralambidis, eine griechische Schönheit – zeigte sich weniger rabiat, als ihr Schreiben an Ingo vermuten ließ, und wir kamen vergleichsweise glimpflich aus der Nummer raus. Ingo musste eine Straf-Lizenz von etwa 10 Mark je verkaufter CD zahlen, der Rest sollte vernichtet und die Überbleibsel bei der WEA abgegeben werden. Das war´s dann.
Am Abend taten uns die Hände weh, denn es ist gar nicht so einfach, ein paar hundert CDs mit der bloßen Hand zu zerbrechen.
Ingo versuchte sich danach nicht weiter an internationalen Titeln, bis … ja bis ich mit Tsunami auf den Markt kam. Aber bis dahin sollten noch zwei Jahre ins Land gehen. Und Frau Haralambidis sollte ich nach der Cannes-Episode eine nicht mehr wiedersehen – wohl aber rund zwölf Jahre später noch einmal mit ihrem Namen konfrontiert werden. Und der gute Herr Kukuk hat niemals ein Wort darüber verloren, dass ich seinerzeit unter fremden Namen bei der WEA gesegelt bin.

Wie aber kam ich nun zu meinem tüchtigen Anwalt? Nach meinem Besuch bei der IFPI war ich der festen Überzeugung, von Herrn Kukuk nie mehr etwas zu hören. Im Frühjahr 1992 erhielt ich zu Hause einen Anruf von ihm. Wenn ich noch Interesse daran hätte, wie die „Wanderers“-CD entstanden sei, könnten wir uns auf eine Tasse Kaffee treffen. Inzwischen könne er mir mehr zu dem Thema sagen. Und ich hatte Interesse!
Wir trafen uns also im Mövenpick im Hanseviertel, und er wusste ganz Erstaunliches zu berichten. – Für alle diejenigen, die die große Diskussion seinerzeit nicht mitbekommen haben, hier noch einmal eine kurze Zusammenfassung: zum damaligen Zeitpunkt (und so ist es auch noch heute, nur wurde die Frist verlängert), unterteilte sich das Urheberrecht in zwei Kategorien: Das Recht des Autors (also des Komponisten) war 70 Jahre über den Zeitpunkt seines Todes hinaus geschützt (ein Privileg, von dem auch heute noch die Kinder und Kindeskinder der Komponisten gut leben können). Das Recht des Produzenten der fertigen Musik erlosch nach 25 Jahren. Um es leicht verständlich zu machen: Anfang der 90ger Jahren wurden die ersten Beatles-Titel frei, ein Millionengeschäft (oder –verlust) für die EMI, bzw. für die unabhängigen kleinen Plattenfirmen, die nun diese Titel nutzen konnten. Und in den USA stand der Disney-Konzern vor dem Problem, dass Donald Duck und Micky Maus frei wurden. Die Branche lief Sturm, um nicht zu sagen: Amok! Aber es sollte noch bis zum 1. Juli 1995 dauern, bis das Urheberrecht in Deutschland geändert wurde. Eine Zeit, die es zu nutzen galt.

Herr Kukuk klärte mich auch darüber auf, dass die Lüneburger Firma Jahre vorher in Abstimmung mit den großen deutschen Schallplattenfirmen einen Musterprozess geführt hatte, um die Rechtslage ein für alle Mal zu klären. Welch faszinierender Ausblick! Und Herr Kukuk, der seinen Job bei der IFPI aufgegeben hatte, würde also mein Anwalt werden.
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* Wichtiges Fachmagazin für die Tonträgerbranche
Forts. folgt

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