Sein letzter Ausbruch

betr.: 90. Geburtstag von Helmut Qualtinger

Der Kabarettist Helmut Qualtinger war auch ein Verwandlungskünstler. Wenn die Umsetzung einer seiner Ideen es erforderte, legte er sogar seinen österreichischen Akzent ab und bemüßigte sich sehr überzeugend eines anderen.
Seinen letzten Auftritt hatte er in einem international besetzten Film, der ihn gerade wegen seines naturgemäß urviechhaften Äußeren brauchte: die Verfilmung von „Der Name der Rose“ – umfangreich, hochkomplex und dennoch ein Bestseller.

„Der Name der Rose“ spielt im 14. Jahrhundert in einem Mönchskloster und wurde großenteils im Kloster Eberbach im Rheingau gedreht. Der Bedarf an knorrigen Gestalten, die diesen Lebensraum bevölkern, erinnerte das damalige Publikum an einen Fellini-Film (heute denkt man eher an „Der Name der Rose“) und wurde mit zahlreichen deutschen Schauspielern gedeckt – und eben mit dem Österreicher Qualtinger. Die so sorgfältig Gecasteten mussten freilich auch noch in die Maske. Abgesehen vom Verlust ihrer Haarpracht, die sich aus ihrem Berufsbild ergibt, hatten die Darsteller noch allerlei auszuhalten – obwohl ich die  Erzählung von Volker Prechtel für übertrieben halte, einige von ihnen hätten sogar ihre Zähne geopfert. Michael Habeck musste sich für seine Nackt- und Sterbeszene alle Körperhaare entfernen lassen, umgekehrt hatten die Bärte bei allen (außer Habeck) echt zu sein.
Hauptdarsteller Sean Connery, dem man die Glatze ja nicht erst zu schneiden brauchte, bekam dennoch sein Fett weg. Regisseur Jean-Jacques Annaud gefiel sich als Method-Acting-Apostel und ließ seine Mannen in Sandalen durch die winterliche Kälte laufen, auch wenn die Füße gar nicht im Bild waren. Connery schüttelte den Kopf, fluchte und gehorchte.

Helmut Qualtinger hatte Glück: nur eine falsche Nase war nötig, ansonsten taugte seine reale Erscheinung, um die Kutte des lebenslang zuchtlosen Remigio de Varagine entsprechend auszufüllen. Dazu war außerdem sein Temperament gefordert. Um vor dem bereits über ihn verhängten Tod auf dem Scheiterhaufen nicht auch noch gefoltert zu werden, muss er sich dazu bekennen, vom Satan besessen zu sein. Das tut er gern und zeigt uns noch einmal, was in ihm steckt.
Den fulminanten Erfolg des Films – er kann sich bis heute sehen lassen – erlebte der grandiose Menschendarsteller nicht mehr.

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