Richard Kummerfeldt – An den Rändern der Traumfabrik (11)

Fortsetzung vom 6.10.2019

Diesen Bericht seiner späten Aktivitäten als freier Filmmusikproduzent verfasste Richard Kummerfeldt im Exil in Südamerika für ein (deutsches?) Fachmagazin. Es gewährt Einblicke in die letzten Jahre der Tonträgerindustrie vor deren Verschlafen der digitalen Revolution, in die Welt der käuflichen Filmmusik, die Seele des Sammlers (heute „Nerd“), die Finessen des sich wandelnden Urheberrechts und erzählt von der Arbeit mit schwierigen Bürohengsten und Künstlerpersönlichkeiten in den 90er Jahren.

Soundtracks ohne Grenzen

Begeistert teilte ich mein neu erworbenes Wissen mit VRC, der davon gar nichts hören wollte. Er wollte seriös weiterarbeiten und träumte vermutlich von einem Weltkonzern, ähnlich wie Varèse oder Milan in Paris. Ich unterhielt mich also mit Thomas Karban (den „Schürmann“ hatte er zwischenzeitlich abgelegt). Auch ihn faszinierte diese Möglichkeit, kam er dadurch doch etwas von den zweitklassigen Action-Scores von Edel und den Neueinspielungen der verwechselbaren Filmmusik-Sampler aus Prag weg. Aber wie konnten wir unsere Pläne realisieren, wenn VRC sich quer legte? Er hatte keine Lust auf die zu erwartenden Anwaltsschreiben aus Los Angeles, New York, London oder Madrid. Und wir wollten unseren Traum von einen Soundtrack-Label (fast) ohne Einschränkungen verwirklichen. Da passierten zwei Dinge. Das Erste war, dass der von mir nicht wirklich wahrgenommene Niedergang von Proton begonnen hatte, und Heinz meldete sich mit einem Paukenschlag aus Pirmasens!

Bei ihm hatte Arno K. angeklopft, der aus besseren Zeiten noch die Rechte an einigen Soft-Sex-Filmen, aber auch an älterem normalem Filmmaterial kontrollierte. Ihm selbst kauften die privaten Fernsehanstalten nichts mehr ab, seit er von RTL und SAT.1 Gelder für Filme kassiert hatte, die ihm gar nicht gehörten. Der Deal, den er anbot: sollten Heinz oder ich die Filme verkaufen können, bekäme er die Hälfte, die andere Hälfte könnten Heinz und ich uns teilen. Und so geschah‘s. Zur Arno K. sei noch angemerkt, dass er ein hochgradiger Alkoholiker gewesen ist, dass er ständig auf der Suche nach Geld war und das Geld, das ihm seine Frau bei der Scheidung nicht hatte abknöpfen können, in die Spielbcasinos der ganzen Region getragen hatte. Um den Unterhaltungswert dieses Berichtes ein wenig zu steigern, hier noch eine abschließende Episode:
SAT.1 bezahlte in zwei Raten – den ersten Teil nach Vertragsabschluss, den zweiten Teil nach der Erstausstrahlung. Arno erhielt zunächst sein Geld, was für wenige Tage reichte, Heinz und ich konnten warten. Der Scheck kam an einem Samstag an, und Heinz war so clever, vor dem Haus auf den Briefträger zu warten. Er nahm also den Brief mit dem Scheck entgegen und kehrte ins Kino zurück. Das war angebracht, denn Arno hatte den ganzen Briefkasten aus der Wand gerissen, um an den Scheck zu kommen. Dann war Arno K. verschwunden. Heinz und ich vermuteten, dass die Polizei ihn geschnappt hatte und er nun gesiebte Luft atmen durfte.
VRC erhielt nun den gesamten Restbetrag des Darlehns. Heinz wollte einen Filmverleih aufmachen (was uns viel Geld kostete und nichts einbrachte), und ich konnte die „Miss Marple“-CD in Angriff nehmen.

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