Richard Kummerfeldt – An den Rändern der Traumfabrik (12)

Fortsetzung vom 13.10.2019

Diesen Bericht seiner späten Aktivitäten als freier Filmmusikproduzent verfasste Richard Kummerfeldt im Exil in Südamerika für ein (deutsches?) Fachmagazin. Es gewährt Einblicke in die letzten Jahre der Tonträgerindustrie vor deren Verschlafen der digitalen Revolution, in die Welt der käuflichen Filmmusik, die Seele des Sammlers (heute „Nerd“), die Finessen des sich wandelnden Urheberrechts und erzählt von der Arbeit mit schwierigen Bürohengsten und Künstlerpersönlichkeiten in den 90er Jahren.

Mit Miss Marple in Dänemark (Pt. 2)*

Ron Goodwin war von meinem Vorschlag, die „Miss Marple“-Musik in Suitenform mit einem großen Sinfonieorchester einzuspielen, ganz begeistert. Um aber bei der Wahrheit zu bleiben, diese Idee stammte ursprünglich von Monty Arnold*, dem ich hier nochmals meinen Dank ausspreche und ihm weiterhin viel Erfolg bei seiner Karriere als begabter Entertainer und Humorist wünsche. Ron gab lediglich zu bedenken, dass neben den Noten des Hauptthemas absolut nichts an Notenmaterial zur Verfügung stünde.** Er würde diese Rekonstruktion gerne übernehmen ohne mir diese Extraarbeit in Rechnung zu stellen, aber Ron Shillingford, seinen Orchestrator, müsse ich bezahlen. So hatte ich mit den ebenfalls zu erstellenden Stimmauszügen für das Orchester schon einmal rund 15.000 DM an der Backe, die ich eigentlich nicht eingeplant hatte. Immerhin war das Orchester ein Schnäppchen. Das „Odense Symphony Orchestra“ war Rons Wahl, und über Thomas Fenn, der das dänische Klassik-Label „Kontrapunkt“ betrieb und wohl auch heute noch betreibt, wusste ich, dass die Dänen ein Förderprogramm für ihre Orchester hatten und für eine „normale“ Platteneinspielung nur umgerechnet 6000 DM verlangten. Heinz und ich beschlossen, es einfach darauf ankommen zu lassen, was das Orchester von uns verlangte. Es traf sich gut, dass Heinz Kontakt mit einer dänischen Filmproduktion aufgenommen hatte, und so fuhren wir nicht nur nach Odense, sondern auch gleich nach Kopenhagen. Beide Treffen verliefen wunschgemäß, Odense gab uns den Standardpreis von 6000 DM, und Heinz bekam in Kopenhagen seine Video-Kopien von den Filmen, die er an einen deutschen Fernsehsender verkaufen wollte. Auf der Rückfahrt nach Hamburg übernachteten wir in einem dänischen Hotel, und Heinz rechnete mir vor, dass wir von den zu erwartenden 500.000 DM rund die Hälfte an Steuern abführen mussten. Die Idee, eine Schweizer Firma zu gründen, lag auf der Hand. VRC hatte ja schließlich auch seine Schweizer Firma, die „Videorent AG“. Der Name „First Floor Film AG“ fiel mir am nächsten Morgen ein.
Das Hotelzimmer hatte keine eigene Dusche, dafür musste man über den Hotelflur gehen und gelangte in eine nachträglich eingebaute Dusche mit dem berühmten hohen Einstieg. Während ich also diese 50 cm Höhenunterschied überwand, kam mir die Assoziation mit dem ersten Stock in den Sinn …

VRC war überraschenderweise sofort damit einverstanden, diese neue Firma zu gründen. Aber er wollte natürlich ebenfalls zu einem Drittel beteiligt sein, Nur leider sei er gerade nicht flüssig, um diesen Anteil auch zu bezahlen. Aber wo war das Problem? Heinz sollte mit VRC in die Schweiz fahren, gemeinsam die Firma gründen, und wenn das Geld aus den Filmverkäufen reinkäme, würde von VRCs Gewinnanteil der notwendige Betrag einbehalten werden. Klare Regelung, die der Treuhänder gleich mit in den Gründungsvertrag reinschreiben konnte. Gesagt, getan.
VRC suchte einen Treuhänder, obwohl er für Videorent schon einen hatte. Warum, war mir nicht klar geworden, und irgendwie war es mir auch egal. Wir wollten den Mann ja nicht heiraten. Die beiden fuhren also in die Schweiz, gründeten die Firma, VRC kehrte nach Hamburg und Heinz zu seinen Projektoren in Pirmasens zurück. War das alles wirklich so einfach?
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* Mein Teil der schönen Geschichte, siehe https://blog.montyarnold.de/2015/01/08/mit-miss-marple-daenemark/
** Nach einiger Recherche tauchte die Partitur des letzten Marple-Films „Murder Ahoy“ wieder auf. So kommt es, dass auf der CD hauptsächlich dieser Film berücksichtigt ist. Wir hören außerdem noch das Jagdmotiv aus „Murder At The Gallop“ und Variationen aus dessen Ouvertüre.

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