Gestaltwandler im Schatten

Betr.: 101. Geburtstag von Paul Edwin Roth

Als Schauspieler musste man jahrhundertelang damit leben, der Ausführende einer flüchtigen Kunst zu sein. Als die Technik der fotografischen und magnetischen Aufzeichnung diesem Übel abhalf, konnte es wiederum passieren, dass man in der immer weiter ansteigenden Flut ihrer Produkte unterging – und das ist im digitalen Zeitalter noch gefährlicher geworden.
Von Paul Edwin Roth, der ein ziemlich beeindruckender Schauspieler gewesen sein muss, erlebte ich als Heranwachsender vor allem zweierlei: seine Gast-Auftritte in Fernsehkrimis und seine Synchronarbeit.

Roth war die Idealbesetzung für frustrierte Ehemänner (Typ „Buchhalter“), die sich in außereheliche Affären flüchteten und dabei so unglücklich aussahen, so erbarmungswürdig unbefriedigt blieben, dass sie die Tristesse einer ganzen „Derrick“-Folge mühelos allein produzieren konnten (und das war jedesmal eine Unmenge). Selten war er der Mörder, zumeist lediglich der fehlbare Kleinbürger, der am Rande der Ereignisse unter die Räder kommt oder durch seine Unzulänglichkeit ein Verhängnis in Gang setzt.
Selbst in früheren und etwas glanzvolleren TV-Rollen – etwa in „4 Schlüssel“ – wirkt und agiert der Schauspieler schon ganz in diesem Sinne, und bereits sein erster Bildschirmauftritt als Beckmann in „Draußen vor der Tür“ (er hatte die Rolle bereits auf der Bühne gespielt) zeigt ihn als archetypisches armes Würstchen.

Was Paul Edwin Roth so alles auf dem Kasten hatte, merkt man besonders deutlich in seiner Synchronarbeit. Zwar war er auch hier auf grübelnde, zweifelnde und suchende Charaktere spezialisiert, aber dieses Reich lotete er so gründlich und nuancenreich aus, dass ihm jeder erdenkliche Männer- und Darstellertypus anvertraut wurde. Er betreute den bildschönen Montgomery Clift ebenso überzeugend wie den grobschlächtigen George Kennedy, und hielt einen der großartigsten Monologe des Tonfilms aus dem Munde des „Holocaust-Überlebenden“ Rod Steiger* – um nur einige wenige Beispiele zu nennen.
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2015/05/20/die-wiedergefundene-textstelle-21-der-pfandleiher-monolog/

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