Als Hunderter noch „Blaue“ hießen …

betr.: 61. Jahrestag des ersten Auftritts der Schlümpfe im Magazin „Spirou“

Eine Tintin-Figur kostet mehr als ein Schlumpf. So ein Tintin ist ja auch deutlich größer und meistens aus Kunstharz, nicht aus Hartgummi. Und er wird in Galerien und besseren Fachgeschäften verkauft und nicht auf dem Wühltisch einer Spielwarenabteilung. Aber die Schlümpfe sind nun einmal in der Überzahl – hundert gegen einen (bzw. zwei, wenn man Tims Struppi noch mitzählt).
Das feuilletonistische Kräfteverhältnis der beiden größten belgischen Comicschöpfungen „Tim und Struppi“ und „Die Schlümpfe“ wird durch diese flapsige Metapher recht gut beschrieben: „Tintin“ gilt als Meisterwerk und wird inzwischen ganz offen zur Hochkultur und gar zur Weltliteratur gerechnet (zuletzt im neuen Kanon des Literaturkritikers Denis Scheck). So weit haben es die Schlümpfe noch nicht gebracht, aber in kommerzieller Hinsicht haben sie gesiegt. Nicht nur, wenn es um das Merchandising geht, sondern auch als Überlebenskünstler. Während Hergé verfügte, nach seinem Tode dürfe niemand seinen Helden Tintin weiterzeichnen, hat sich der ehemalige Werbegrafiker Peyo, der Vater der Schlümpfe, als totaler Geschäftsmann erwiesen. Das machte ihn reich, wurde aber auch zu seiner persönlichen Tragik.

Des Welterfolges Vater Peyo und Patenonkel Franquin. Das deutsche Wort „Schlumpf“ kam von Rolf Kauka, dem unverdient verrufenen Pionier der eingedeutschten Comickunst.

Peyo alias Pierre Culliford hatte die Ausgangsidee zu seinen blauen Zwergen auf einer gemeinsamen Urlaubsreise mit dem berühmten Kollegen Franquin.* Nachdem er sich mittels des improvisierten Wortes „Schtroumpf“ aus einer Wortfindungsmisere herausgerettet hatte, „schlumpften“ die beiden Kollegen im Gespräch weiter (das taten die Schlümpfe übrigens anfangs noch nicht) und lachten ausgiebig. Ein Jahr später, 1958, führte Peyo in seiner Ritterserie „Johan et Pirluit“ ein Volk von Ardennenwitcheln ein. Die waren bald erfolgreicher als die Helden und erhielten eine eigene Serie.** (Auch Johans Sidekick Pirluit war ursprünglich nur eine Gastrolle gewesen.)

Lehrreiche Seite aus einem Schlümpfe-Album der Kauka-Zeit. Auf dem Foto unten: der Meister selbst mit der wichtigsten Schulhofwährung der 70er Jahre. 

Peyo erschuf in der Folge als Autor und (Chef-)Zeichner eine Reihe unerreicht märchenhafter Gesellschaftssatiren in Comicform.*** Er erkannte aber auch früh, wie sich damit zusätzliches Geld verdienen ließ. Nicht nur die Comics wurden lizensiert, die Schlümpfe selbst erschienen bald auf Brotdosen und Schulmäppchen, zierten aber auch erwachsene Objekte wie Waschmittelkartons, Creme-Seife oder eine internationale Tankstellenkette.
Das beförderte ihren weltweiten Siegeszug, doch es machte nicht die ganze Welt zu Comic-Lesern. 1981 kam in den USA mit „The Smurfs“ die erste Schlumpf-Zeichentrickserie heraus – plump animiert und in alle Welt verkauft. Heute haben die Schlümpfe auch mit mehreren 3-D-animierten Kinofilmen Erfolg, was Tintin vergeblich versucht hat.

Der Oberschlumpf

Als Liebhaber der klassischen Abenteuer wendet man sich angesichts solcher Produkte mit Grausen. Es ist eine bittere Ironie, dass Peyo selbst für diesen Ausverkauf seiner Ideale einen hohen Preis bezahlt hat. „Ich kann verstehen, dass Peyo irgendwann genug hatte und keinen Schlumpf mehr sehen konnte, denn er hat sich mit nichts anderem mehr befasst“, erzählt ein Kollege von ihm in einer Dokumentation. Und damit meint er nicht das Zeichnen und Schreiben immer neuer Geschichten.
Peyo war zuletzt hauptsächlich mit der Errichtung und Pflege seines Lizenz-Imperiums beschäftigt. Schon Mitte der 60er Jahre verbrachte er mehr Zeit mit Werbepartnern (die er meist persönlich aufsuchte, da er nicht gern telefonierte) als mit seinen Mitarbeitern.
Doch die künstlerische Verantwortung wollte er nicht abgeben. Und so behielt er sich vor, die amerikanischen Drehbücher gegenzulesen. Als hintereinander die Skripte einer kompletten Smurfs-Serienstaffel über das Faxgerät hereinkamen, könnte er geahnt haben, dass das alles ein wenig zuviel für ihn war.
Zum Zeichnen kam er nur noch nachts, wenn das Telefon nicht mehr klingelte. Seine Assistenten hatten mehr und mehr zu tun.

Peyos letzte betrübliche Entscheidung war, die Schlümpfe nur noch auf ein reines Kinderpublikum auszurichten. Gerade als Kind hatten mich die Untertöne angesprochen, die über eine solche Konzeption hinausgehen.
Seine alten Weggefährten berichten, dass Peyo zu keiner Zeit seines Lebens so unglücklich war. „Seine Welt war schrecklich klein geworden“, als er mit 64 Jahren an einem Herzinfarkt starb.

Da nützt der ganze EU-Binnenmarkt nichts: sowas Schönes wie dieses aktuelle Buch haben wir in Deutschland nicht, und wir können es nicht einmal ohne Weiteres in Frankreich bestellen.

Der Streit kann wieder einmal losgehen …

Hand aufs Herz und alles auf Anfang: ich halte Peyo für den größten Sohn der großen belgischen Comicnation. Über keinen anderen habe ich so viel gelacht, keiner zeigt mir mehr Tiefe und Poesie. Was für ein herausragender Erzähler Peyo gewesen ist, fiel mir erst kürzlich wieder auf, als ich das Buch „Une vie à schtroumpfer“ geschenkt bekam. Obwohl ich die Sprache nicht verstehe, leben diese Bildergeschichten vor meinen Augen. Selbst die unvollständige Lektüre ist eine wundervolle Erfahrung – und das nicht nur im Sinne eines Museumsbesuchs voll schöner Zeichnungen, sondern als flott ablaufende Geschichte.

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* Mehr zu ihm unter https://blog.montyarnold.de/2018/02/09/franquin-ein-luxus-fragment/
** Ebenso wurde auch ein gewisser Seemann zum Star, siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2014/09/22/der-multimedia-spinatmatrose/
*** Näheres zu diesem Thema u.a. unter https://blog.montyarnold.de/2017/01/23/die-schoensten-comics-die-ich-kenne-12-von-der-zerstoerung-der-demokratie/ und https://blog.montyarnold.de/2016/10/23/leckerschlumpf-bitte-nicht-mehr-verwenden/

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