Verdiente Schwarzseher

betr.: 55. Todestag von Aldous Huxley

Am Beispiel der beiden berühmtesten dystopischen Romane des 20. Jahrhunderts – „1984“ von George Orwell und „Brave New World“ von Aldous Huxley – wird deutlich, wie wichtig Katastrophen für die Formung der Künstlerseele und ihres Werkes sind. Hier sind es weniger die persönlichen als die zeitgeschichtlichen Heimsuchungen. „Brave New World“ erschien ein Jahr vor der Machtergreifung Hitlers, „1984“  in den Trümmern des zuendegegangenen Zweiten Weltkriegs. Folglich fehlt Huxleys Buch die Erfahrung von Auschwitz und Hiroshima sowie 17 Jahre Beobachtung der realexistierenden kommunistischen Diktatur. 
Selbstverständlich ist auch Huxley bemüht, die Verderbtheit eines (jeden) totalitären Systems herauszuarbeiten. Doch bei ihm geschieht das auf komödiantische und zuweilen etwas alberne Weise. Zugegeben: dieser unernst trifft die heutige Atmosphäre genau. Was Orwell (dem besseren Erzähler) zugute kommt, ist, dass sein großes Thema uns eigentlich bewusst ist: der völlige Verlust der Privatsphäre, der von einer unsichtbaren Elite befördert und ausgenutzt wird. Wir sind uns über das Eintreffen seiner Befürchtungen im Klaren, möchten jedoch in unserem Medienverhalten keine Einschränkungen hinnehmen. Huxleys Thema – die genetische Manipulation und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen – wird uns mit voller Wucht erst in der nahen Zukunft treffen.

Beide Bücher muss man vor der flapsigen Attitüde unserer Tage ein wenig in Schutz nehmen. In der letzten Ausgabe seiner Sendung „Druckfrisch“ erhob Denis Scheck „The Handmaid’s Tale“ in den gleichen Rang wie „1984“ und „Brave New World“. Das war wohl seiner Galanterie geschuldet – er saß der Autorin Margaret Atwood gerade persönlich gegenüber. Auch der augenblickliche Hype, den eine aktuelle TV-Verfilmung Atwoods Buch einträgt, dürfte eine Rolle gespielt haben.

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