Richard Kummerfeldt – An den Rändern der Traumfabrik (17)

Fortsetzung vom 25.11.2019

Diesen Bericht seiner späten Aktivitäten als freier Filmmusikproduzent verfasste Richard Kummerfeldt im Exil in Südamerika für ein (deutsches?) Fachmagazin bzw. einen gewissen John. Es gewährt Einblicke in die letzten Jahre der Tonträgerindustrie vor deren Verschlafen der digitalen Revolution, in die Welt der käuflichen Filmmusik, die Seele des Sammlers (heute „Nerd“), die Finessen des sich wandelnden Urheberrechts und erzählt von der Arbeit mit schwierigen Bürohengsten und Künstlerpersönlichkeiten in den 90er Jahren.

Mit Miss Marple in Dänemark (iii)

Da saßen wir also wieder zusammen und träumten von einer goldenen Zukunft. Wir planten schon eine weitere Neueinspielung für das kommende Jahr und wenn die Firma Proton wirklich in Konkurs ginge, könne er ja bei Alhambra als mein Partner einsteigen. Auf einmal war der Abend vorbei und ich musste mich beeilen, die letzte S-Bahn noch zu erreichen.

Bill Conti hatte mir ein Fax mit den Titeln versprochen, die er für das Konzert favorisierte und den Titeln, die er gerne bei den Proben schon einspielen würde. Ich wartete und wartete und ich weiss heute nicht mehr ob es drei oder vier Wochen dauerte, bis sich Bill Conti meldete. Aber ich erhielt keine Liste mit Titeln, sondern eine Absage: er habe kurzfristig den Auftrag bekommen, für einen Film aus den Disney-Studios die Musik zu schreiben und hätte leider leider keine Zeit für Berlin.

Ich habe dieses Warnsignal vernommen, und wäre da jemand gewesen, der gesagt hätte: verschieb das Ganze um ein Jahr, bis die Probleme mit Proton und Pirmasens bereinigt sind – vielleicht hätte ich diesen Rat befolgt. So aber hörte ich nur Thomas Karban, der meinte: Jetzt erst recht! John, wahrscheinlich kennst Du ja dieses Gefühl – man hat sich so in einem Projekt verbissen, das man davon nicht mehr lassen möchte (oder kann).

Der RIAS nahm die Nachricht gelassen auf, schließlich gab es ja unzählige andere Komponisten. Also musste eine neue Suche gestartet werden. Die Zeit wurde knapp, und Thomas kam mit dem Vorschlag, doch Michael J. Lewis zu nehmen, einen Engländer in Hollywood. Er ist ein großartiger Melodiker! Über die Frage, warum ein so begabter Komponist ein so überschaubares Lebenswerk vorzuweisen hat, wunderten wir uns nur kurz. Jedenfalls zeigte er sich sofort interessiert und kooperativ. Seine Konditionen unterschieden sich ein wenig: er wollte die gleiche Summe, aber – Gott sei Dank – in Deutscher Mark, er war mit der Business-Class zufrieden und die Anzahl der Sterne des Hotels interessierte ihn weniger. Es sollte komfortabel sein und ein Jacuzzi haben. Jacuzzi? Ich musste mich erst einmal kundig machen, was das ist. Ich machte mich auf die Suche nach einem Jacuzzi, das nicht schon für die Zeitspanne, da Lewis in Berlin sein würde, vermietet war. Alle Jacuzzis waren vermietet und so musste er mit einem beheizten kleinen Schwimmbad im Hotel zufrieden sein. Er hat die Tage überlebt.

Thomas erhielt nun aus den Staaten umfangreiches Notenmaterial und auch einige Originalmusiken auf CD. Wir waren begeistert. Es würde ein klasse Konzert werden, und die CDs würden die Sammler weltweit aufhorchen lassen. Das Abenteuer strebte einem guten Ende entgegen. Es gab nur einen Wermutstropfen: die Aufnahmen in Odense fanden in der gleichen Woche statt, in der Michael J. Lewis in Berlin mit seiner Arbeit begann. Heinz würde also die ganze Zeit bei Ron Goodwin bleiben und ich mich am zweiten Tag nach Berlin aufmachen. Wenn ich es rechtzeitig schaffte, wollten Thomas und ich Herrn Lewis gemeinsam am Flughafen abholen. Schaffte ich es nicht, würde Thomas das alleine übernehmen.

Odense

Ron Goodwin und sein Namensvetter Ron Shillingford entpuppten sich als reizende Menschen, unkompliziert und absolute Profis. Ich hatte mir keine Gedanken darüber gemacht, dass das Spinett – das Lead-Instrument des „Miss Marple“-Themas – nicht zur Standardbesetzung eines Sinfonieorchesters gehört. Ron hatte es angefordert. Die Aufnahmen konnten beginnen, denn auch die Technik war bereit. Orchester und Dirigent stimmten sich schnell aufeinander ein. Nur das Spinett klang ein wenig dünn. Auf dem Band war es fast gar nicht mehr zu hören. Das Problem konnte auch nicht durch das Umstellen der Mikrofone wirklich gelöst werden. Es klang einfach nicht wie die Originalaufnahme in den Filmen. Die Lösung des Problems: das Spinett musste „separiert“ werden, also in einem anderen Raum stehen. Wie aber konnte die Spielerin ihre Musikeinsätze mitbekommen? Flott mussten zwei Kameras und zwei Monitore besorgt werden – das organisierte der Leiter des Konzerthauses zusammen mit unserem Supervisor Søren Hyldgaard, bezahlen mussten wir. Die Dame am Spinett ging erst einmal nach Hause, die DM 400 DM für diese Session fielen trotzdem an, obwohl kein einziger brauchbarer Ton im Kasten war. Insgesamt wurde das Projekt schon am ersten Tag um rund 6.000 DM teurer als veranschlagt. Und wir hatten bisher, alles in allem, schon mehr als 50.000 DM berappt. Ron spielte an diesem Tag nun einfach die Passagen ein, in denen dieses Instrument nicht zum Einsatz kam, und am Abend hatten wir etwa zehn oder elf Minuten auf dem Band, die nicht nur brauchbar waren, sondern perfekt. Die ersten Aufnahmen am Dienstag mit dem separierten Spinett klangen phantastisch, und ich machte mich entsprechend frohgemut auf den Weg nach Berlin. Jetzt war Eile angesagt …

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