Richard Kummerfeldt – An den Rändern der Traumfabrik (22)

Diesen Bericht seiner späten Aktivitäten als freier Filmmusikproduzent verfasste Richard Kummerfeldt im Exil in Südamerika für ein (deutsches?) Fachmagazin bzw. einen gewissen John. Es gewährt Einblicke in die letzten Jahre der Tonträgerindustrie vor deren Verschlafen der digitalen Revolution, in die Welt der käuflichen Filmmusik, die Seele des Sammlers (heute „Nerd“), die Finessen des sich wandelnden Urheberrechts und erzählt von der Arbeit mit schwierigen Bürohengsten und Künstlerpersönlichkeiten Mitte der 90er Jahre.

Tsunami

In Berlin war ich offenbar zur Unperson erklärt worden. Es gab für mich keinen Ansprechpartner mehr.
Aber das wurde dann auch mit jedem Tag unwichtiger, da das Projekt, das Thomas Karban und mich beschäftigt hatte, nun langsam konkrete Formen annehmen sollte. Zwar hatte es zu diesem Zeitpunkt noch keinen Namen, aber Du, John, weisst schon, was gemeint ist.
Ich spreche hier von dem Projekt „Tsunami“. Thomas Karban (der Einfachheit halber ab hier TK genannt) schlug als Einstieg „Lilien auf dem Felde“ vor. Er hätte die LP in gutem Zustand in seiner Sammlung. Für den Anfang überließ ich ihm die Auswahl. Durch seine Arbeit im „Cinema Soundtrack Club“ war er einfach näher am Markt.
Und ich brauchte einen konkreten Titel sowohl für den Anwalt, als auch für Thomas Fenn. Du erinnerst Dich: das Geld, das TF uns für sein Drittel an der Produktion zahlte, versandete zum größten Teil in Pirmasens und von dem bisschen was mir blieb, begann ich die kleinen Gläubiger aus VRCs Erbe zu befriedigen.
Das Geld für den Anwalt musste ich also der Haushaltskasse meiner kleinen Familie entnehmen. Der Anwalt wollte die Originalplatte gar nicht sehen, er wollte nur folgende Angaben: Produktionsjahr des Films, Tag der Erstaufführung und den Namen des Komponisten. Die bekam er von mir, seine Expertise sollte in drei oder vier Tagen fertig sein. Er hielt Wort.
Da hatte ich also das Papier, das uns das Tor zu unserem Soundtrack-Paradies aufschließen würde. In schönstem Juristendeutsch stand da, dass ich im Falle einer (Wieder-)Veröffentlichung, unabhängig  von der Form und Art des Tonträgers, nach Paragraph XYZ des Deutschen Urheberrechts in voller Übereinstimmung mit den Gesetzen der Bundesrepublik Deutschland handeln würde. Einer Veröffentlichung stünde nichts im Wege. Ort, Datum, Unterschrift.
Das war´s.

Ich sprach also mit dem anderen Thomas. Er zeigte sich, auch wenn Filmmusik nicht seine Welt war, dem Projekt gegenüber offen. Er würde diese erste Veröffentlichung vorfinanzieren. Unter drei Bedingungen: der Vertrieb war FMS, und sollte ich nicht aus den roten Zahlen kommen, würde er sich das Geld über die „Miss Marple“-CD zurückholen. Schließlich sollte die CD in dem dänischen Presswerk entstehen, wo er die meisten seiner Produktionen herstellen ließ. Er erklärte mir, dass er dort bessere Konditionen bekäme. Pressungen für deutsche Kunden würden die Dänen nach den deutschen GEMA-Sätzen abrechnen, die um etwa 33% über den in Dänemark üblichen Sätzen lagen. Das kleine Dänemark bedeutete die kleine Krone, das große Deutschland die große Mark. Gegen diese Bedingungen war nichts einzuwenden. Unser Anwalt hat mir noch einen kostenlosen Rat mitgegeben: wenn ich absolut sicher gehen wollte, sollte ich keine einzige CD ins Ausland verkaufen. Für Europa sähe er zwar keine Probleme, aber vielleicht für die USA. (Ein US-Anwalt, der einem sowas genau sagen kann, ist ja bekanntlich nie zur Hand, wenn man ihn braucht …)

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