Richard Kummerfeldt – An den Rändern der Traumfabrik (23)

Diesen Bericht seiner späten Aktivitäten als freier Filmmusikproduzent verfasste Richard Kummerfeldt im Exil in Südamerika für ein (deutsches?) Fachmagazin bzw. einen gewissen John. Es gewährt Einblicke in die letzten Jahre der Tonträgerindustrie vor deren Verschlafen der digitalen Revolution, in die Welt der käuflichen Filmmusik, die Seele des Sammlers (heute „Nerd“), die Finessen des sich wandelnden Urheberrechts und erzählt von der Arbeit mit schwierigen Bürohengsten und Künstlerpersönlichkeiten Mitte der 90er Jahre.

Das neue neue Label

Doch wie sollte das Label nun heißen?  Unsere ersten Ideen haben  TK und ich gleich selbst wieder verworfen: „Soundtrack-Archiv“, „Soundtrack Collection“ oder „Soundtrack Treasure“, das klang alles irgendwie mühselig.
Die Arbeitsteilung war so geregelt: als Supervisor einer jeden VÖ war TK zuständig für die Beschaffung des Ausgangsmaterials (bei LPs war das noch einfach, bei der Verwendung von Originalbändern würde es  etwas aufwändiger) und dessen technische Aufarbeitung bis hin zur Master CDR sowie dem Schreiben bzw. der Beschaffung der Liner Notes. Der Rest bis zum fertigen Produkt – Cover, Vertrieb, Werbung, Abrechnung, Buchhaltung – war mein Ressort. Sollte es zu Klagen kommen, würde ich meinen Kopf hinhalten müssen. Damit konnte ich leben, denn ich hatte Herrn Dr. Kukuk an meiner Seite. Machen wir uns nichts vor: da die CDs über FMS in den Handel kommen würden, wäre jedem Insider klar, wer dahintersteckt. (Eine einzige Veröffentlichung hätte wahrscheinlich niemanden interessiert, aber eine CD nach CD der anderen, und ich wäre von Anwaltsschreiben überhäuft worden.) >
So ging ich mal wieder spazieren.
Mich trieb’s zum Hafen – keine Ahnung, wieso. Jedenfalls brachte ich die gewünschte Idee mit nach Hause: „Tsunami“ sollte das Baby heißen! Das beschrieb exakt die künftig zu erwartende Situation! In Europa bebt es unter dem Meeresboden –  wohlverborgen, unsichtbar -, löst eine Flutwelle aus und erreicht die Staaten mit einiger Verzögerung. Zu dieser Zeit konnte (fast) niemand etwas mit diesem Wort anfangen, aber das war mir wurscht.
TK mochte die Idee, den Rest der Leute bei FMS störte sie zumindest nicht.

TK machte sich auf ins Studio, entfernte einige Knacker von den Aufnahmen und übergab mir das Master. Das wanderte nach Dänemark, Wolfgang O. war mit seiner Arbeit fertig, die Lithos in der Druckerei, und wir konnten die CD ankündigen.
Die Frage des Preises war noch zu klären. Die beiden Thomase wollten den üblichen Preis verlangen. Ich war dagegen. Zwar bezahlten wir die GEMA wie sich das gehört, aber keine Lizenzen.
Um es dem gemeinen Käufer CD-Verbraucher kurz zu erklären: zum damaligen Zeitpunkt bezahlte der Produzent für das Recht, einen Tonträger zu veröffentlichen, eine sogenannte Garantie. Diese deckte meist die Erstauflage ab. Für jede weitere hergestellte und verkaufte CD wurde dann die vertraglich festgesetzte Lizenz fällig. Diese betrug bei klassischer Musik etwa 8-12%, bei Rock/Pop 12-15%, je nach Status des Stars oder der Gruppe. Bei Filmmusik aber schlugen die Lizenzinhaber gnadenlos zu und verlangten 20%, bei US-Material gerne auch mal 22. Bei aktuellen Filmen konnten es auch schon mal 25% sein.
Bei einem Abgabepreis von 14,80 DM belasteten GEMA plus Lizenz somit jeden Tonträger mit mindestens 5 Mark. Doch dieses Geld fließt nicht in die Tasche des Produzenten – da waren ja noch Vertrieb, Verwaltung, Angestellte und Außendienst. Dem Produzenten blieben etwa 2 Mark 50 pro CD. Und der Produzent trägt das volle Risiko, denn das Schallplattengeschäft kann unverkaufte Exemplare zurückgeben, und der Vertrieb will diese Rückläufe vom Produzenten wiederhaben.

Wer in diese Branche einsteigt, muss erstens ein großer Fan der Materie sein, zweitens Geduld, drittens ein gesundes finanzielles Polster und viertens die Möglichkeit haben, so kostengünstig wie möglich zu produzieren. Die Punkte 1 und 2 erfüllte ich, Punkt 4 konnte ich durch die Zusammenarbeit mit TF bei Tsunami erfüllen, aber bei Punkt 3 hat es immer gehapert. In Saarbrücken wie in Hamburg mit VRC. Aber zurück zu der Suche nach dem angemessenen Verkaufspreis. Ich wollte  unsere Artikel erschwinglich halten: ihr Anblick sollte die Sehnsucht des Sammlers nach der antiken 200-$-LP aus USA augenblicklich verstummen lassen. Ich setzte mich weitgehend durch, und so konnte man „Die Lilien auf dem Felde“ schließlich für 17,95 DM kaufen. Die Vorbestellungen lagen nach zwei Tagen bei 700 Stück, nach drei Tagen bei etwa 1000, und wir waren noch lange nicht am Ende. Wir mussten die Erstauflage verdoppeln.

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