Richard Kummerfeldt – An den Rändern der Traumfabrik (24)

Diesen Bericht seiner späten Aktivitäten als freier Filmmusikproduzent verfasste Richard Kummerfeldt im Exil in Südamerika für ein (deutsches?) Fachmagazin bzw. einen gewissen John. Es gewährt Einblicke in die letzten Jahre der Tonträgerindustrie vor deren Verschlafen der digitalen Revolution, in die Welt der käuflichen Filmmusik, die Seele des Sammlers (heute „Nerd“), die Finessen des sich wandelnden Urheberrechts und erzählt von der Arbeit mit schwierigen Bürohengsten und Künstlerpersönlichkeiten Mitte der 90er Jahre.

Die Kunst der Aufmöbelung

Dann kam also die erste Tsunami-CD.
Beim ersten Anhören war ich enttäuscht. Es rauschte verhalten, und leichte Knacker waren erhalten geblieben. Was würden die Käufer sagen? TK sah es genauso. Aber das Studio hatte nicht die Technik, das Material entsprechend zu bearbeiten. Nun denn: ich erhielt genau 2 (in Worten: zwei) Reklamationen. Eine von einem Geschäft, eine von einem Privatmann. Ich bot in beiden Fällen die Zurücknahme und Erstattung des Kaufpreises an. Keine der beiden CDs kam zurück, und ich machte mich auf den Weg ins Studio, um das Problem mit dem Inhaber zu besprechen. Leider habe er das Geld nicht, eines der beiden infragekommenden Refreshing-Systeme zu erwerben, und außerdem fehlten ihm die Kunden für eine solche Dienstleistung. Die Programme, um Archivaufnahmen aller Art zu entrauschen, zu declicken, Pseudo-Stereophonie zu erzeugen, standen noch ganz am Anfang ihrer Entwicklung. Für die billigste Version waren rund 100.000 DM hinzublättern. Was also tun?

TK und ich waren schon bei den Elmer-Bernstein-Titeln, die als nächste VÖs vorgesehen waren, als ein Anruf des Studiobetreibers kam. Er hatte eine Möglichkeit gefunden, den Service anzubieten. Einer der Anbieter (Cedar) stellte ihm gegen einen kleinen Mietpreis, der bei einem späteren Kauf angerechnet würde, ein System zur Verfügung. Unter der Bedingung, dass dieses Studio als Referenzstudio dienen konnte, in dem potentielle Kunden eine Demonstration bekamen. Damit war beiden Seiten gedient, auch wenn sich die Kosten für das Mastering erhöhten. Und mir war eine weitere Lektion in Sachen  Geschäftstüchtigkeit zuteilgeworden. Oben schrieb ich, dass ich mich bei der Preiskalkulation weitgehend durchgesetzt hatte. Das ist weitgehend so zu interpretieren: es wurden nur ca. 65% des fiktiven Lizenzsatzes weitergegeben. Wären 100% weitergegeben worden, hätten wir schon nach der ersten CD den Preis erhöhen müssen. Wie hätte das ausgesehen? So aber konnten wir den Preis auch in Zukunft stabil halten.   Der Rest war Routine. Bis auf den Tag, als TK den Vorschlag machte „Cleopatra“ mit mehr Musik als auf der offiziellen LP zu veröffentlichen. Ich war wie elektrisiert. Ich wusste zwar von der Existenz dieser selbst unter eingefleischten Sammlern schon legendären LP mit dem Titel „More Music from …“ , hatte die LP aber nie gesehen geschweige denn gehört. TK aber hatte eine Kopie davon auf Cassette – ein räudiges Consumer-Medium, das aber unter den neuen Umständen ein guter Anfang war. Er machte sich also auf den Weg ins Studio. Nach wenigen Tagen rief er mich an, ich sollte mir bitte mal das Ergebnis anhören.

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