Richard Kummerfeldt – An den Rändern der Traumfabrik (27)

Diesen Bericht seiner späten Aktivitäten als freier Filmmusikproduzent verfasste Richard Kummerfeldt im Exil in Südamerika für ein (deutsches?) Fachmagazin bzw. einen gewissen John. Es gewährt Einblicke in die letzten Jahre der Tonträgerindustrie vor deren Verschlafen der digitalen Revolution, in die Welt der käuflichen Filmmusik, die Seele des Sammlers (heute „Nerd“), die Finessen des sich wandelnden Urheberrechts und erzählt von der Arbeit mit schwierigen Bürohengsten und Künstlerpersönlichkeiten Mitte der 90er Jahre.

Mogelpackung „Original Soundtrack“

Bisher waren die CDs von den wenigen Filmmusikmagazinen weitgehend ignoriert worden, lediglich Colin in Neuseeland berichtete und rezensierte regelmäßig Alhambra und Tsunami. (Herzlichen Dank, Freunde!) Nun aber begann Lukas Kendall in den USA sein Schlachtfeld systematisch abzustecken. Offenbar hatten die TCI-VÖs die amerikanischen Anwälte alarmiert, und sie begannen im Zuge der anstehenden Novellierung des amerikanischen Urheberrechts („Lex Disney“) auch die „Re-Use-Fees“ abzuschaffen. – Re-Use-Fees wurden fällig, wenn Filmmusik einer anderen Verwertung als im Film zugeführt wurde. D.h. die Plattenfirma, die beispielsweise die Originalmusik zu „Ben Hur“ veröffentlichen wollte, musste noch einmal den genauen Betrag zahlen, die die Musiker seinerzeit gekostet hatten. Das ist auch die Erklärung dafür, dass die auf Platten erschienen „Original Soundtracks“ nachträglich eingespielte Fassungen mit kleinerer Besetzung waren. Dazu ging man nach Europa – meist nach Italien oder Mexiko, wo fast ebenso gute Musiker viel weniger kosteten. „Ben Hur“ wurde seinerzeit in Rom aufgenommen, und das Orchester wurde nicht von Carlo Savina, sondern von Miklós Rózsa dirigiert. Gleiches gilt für „More Music from Ben Hur“. Nicht Herr Kloss dirigierte wie vermerkt, sondern der Komponist höchstpersönlich. Davon wurde nicht viel Aufhebens gemacht, aber Lukas sah seine Chance und ergriff sie beherzt. Er machte sich zum Anwalt der Komponisten und begann Tsunami systematisch als ein „Bootleg“-Label zu diffamieren. Eine Weile sah ich mir sein munteres Treiben an, aber in mir reifte der Entschluss, eine öffentliche Erklärung über die deutsche Rechtslage abzugeben.

TK und der Anwalt waren dagegen. Beide gaben zu Bedenken, dass dies eine Gebrauchsanweisung für jeden darstellte, der die Absicht hatte die Privatsammlung durch eigene CD-Veröffentlichungen zu vergolden. Ich ließ das Papier zunächst in der Schublade und veröffentlichte es erst Monate später, als Herr Kukuk mich davon informierte, dass die Amerikaner ihren Druck auf Europa verstärkten und eine Ausweitung des Urheberechts in ihrem Sinne forderten. Eine Novellierung des Gesetzes würde mit Sicherheit kommen. Die Trittbrettfahrer in Sachen Eigenveröffentlichungen konnten mir weitgehend egal sein. Und die kamen dann ja auch. Tarantula begann mit einer eigenen Serie, und es tauchten noch andere Titel auf. Bei einigen erkannte ich eindeutig die klebrigen Fingerandrücke zweier Herren aus dem Ruhrgebiet …

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