Ixen für Anfänger

Ixen – eine Technik, die beispielsweise in der Synchronarbeit zum Einsatz kommt – erfordert rasche und präzise Textauffassung. Diese Serie hält Sprech-Übungen bereit, um die betreffenden Instinkte zu schärfen.

Wer Cartoons liest, ist klar im Vorteil

Der amerikanische Cartoonist Gary Larson, der in den 90er Jahren bei uns seine ganz große Zeit hatte, war ein Meister darin, die rekonstruktive Fantasie seiner Leserschaft anzuregen. Häufig geschah das eigentlich Komische räumlich oder zeitlich außerhalb des Bildes. Oft lachte der Leser über etwas, das er sich – unter Larsons kluger Anleitung – selbst vorgestellt hatte.

Ein Beispiel: die Unterhaltungskünstlerin Madonna trägt ihren damals allgemein bekannten spitzen Metall-BH. Sie ist Passagierin eines Schlauchbootes auf hoher See – also offensichtlich eines Rettungsbootes, was auch am elenden Erscheinungsbild ihrer Mitreisenden erkennbar ist. All dies erfahren wir, ohne Madonna überhaupt zu sehen, denn sie ist vornübergefallen und hat damit das Boot leckgeschlagen. Das Bild zeigt die entsetzen Gesichter der todgeweihten Männer, die Bildunterschrift belehrt uns, wer da auf der Nase liegt.
Ein Großteil des Gags (wenn man als Madonna-Kenner diese Zeichnung sieht, ist sie wirklich sehr komisch) besteht in der Idee, dass Madonna eben noch aufrecht in diesem Gummiboot gestanden haben muss. Und wie albern mag das ausgesehen haben?

Die Interpretation des „ersten Takes“ (einer Rolle, einer Geschichte oder eines Arbeitstages) besteht genau in dieser Kunst: sich vorzustellen, was zuletzt geschah. Gab es ein Stichwort? Wenn ja, wie mag es gelautet haben?
Denn mein erster Satz muss darauf reagieren, auch wenn er im gezeigten Teil der Handlung gar nicht vorkommt.
Der Satz, den dieser kleine Junge spricht, klingt unterschiedlich, je nachdem, ob er ihn im fahrenden Auto oder auf dem elterlichen Grundstück sagt.

Worin besteht der Unterschied?

Auflösung:

Im Auto ist die Frage des Kindes Teil einer längeren Unterhaltung. Das Wort „Erntezeit“ hat sein Vater ihm vermutlich gerade gesagt (Hier gab es ein Stichwort!), und nun fragt der Junge nach. Er betont also das zweite Wort.
Im Garten kommt der Junge auf den Vater zu und beginnt das Gespräch mit der Frage nach dem Wort „Erntezeit“, das er woanders im Zusammenhang mit dem Herbst aufgeschnappt hat. (Er gibt das Stichwort selbst.) Hier wird also dieses für die Unterhaltung neue Wort „Erntezeit“ betont.   

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