Die Marvels wie sie wirklich waren: Wolfgang J. Fuchs (4)

Diese Serie mit Artikeln zur Geschichte der Marvel Comics aus dem Silver Age ist eine Übernahme aus dem Fanmagazin „Das sagte Nuff“ (2005-10). Ich bedanke mich herzlich für die Genehmigung, sie hier wiederzugeben. 
Dieses Interview mit einem der verdienstvollsten Comic-Spezialisten stammt aus den Ausgaben 1 und 2. Bei der Einrichtung dieses Blogs erreichte mich die Nachricht vom überraschenden Tod von Wolfgang J. Fuchs im Alter von 74 Jahren am 20. Januar.

Western von gestern – Interview mit Wolfgang J. Fuchs
(Fortsetzung vom 12.2.2020)
von  Daniel Wamsler
http://dassagtenuff.blogspot.com/

Daniel Wamsler: „Dracula“ und „Frankenstein“ der 5. Williamsproduktion landeten auf dem Index für jugendgefährdende Schriften, wie Du und Reinhold Reitberger im „Comics-Handbuch“ ausführlich schilderten. Was empfandest Du als Übersetzer einer dieser Ausgaben, als Dein „Baby“ von der Behörde verschmäht wurde?

Wolfgang J. Fuchs: Ich fand es zwar schade, sah darin aber auch eine Bestätigung dessen, was ich dem Verlag wiederholt, auch bei Vor-Code-Material in den „Sheriff Klassikern“, gesagt hatte. Ich vermute mal, das „Dracula“-Heft wurde nicht wegen der Dracula-Geschichte indiziert, sondern wie „Frankenstein“ Nr. 5 wegen einer Zusatzstory, die aus der Zeit vor Einführung des Comic-Codes stammte und beim Nachdruck in USA im Bild bereits von Marvel ein wenig entschärft worden war. Bei der Bewertung der Comicproduktion des ersten Halbjahrs habe ich auch darauf hingewiesen, dass die Zweitgeschichten trotz Bearbeitung in USA dazu angetan wären, die Bundesprüfstelle auf den Plan zu rufen.

Eine der “frühen” Marvel-Zusatzstorys, die den Jugendschützern missfielen. Bildbeispiel aus „Frankenstein“ Nr. 19 (TalesTo Astonish # 26). Zeichnungen: Jack Kirby, Lettering: Hartmut Huff.

„Dracula“ erscheint inzwischen wieder regelmäßig als gebundene Neuauflage bei Marvel Deutschland/Panini. Da die Einträge der indizierten Hefte üblicherweise nicht gelöscht werden – was bei einigen Titeln (man denke nur an die Piccolos des Lehning Verlags) im Vergleich zu heute durchaus lächerlich erscheint – könnte so etwas wie damals bei Williams‘ „Dracula“ und „Frankenstein“ Nr. 5 Deiner Meinung nach erneut passieren?

Das kommt vermutlich darauf an, ob die Indizierung auf Grund der Zweit- oder Textstory erfolgte oder nicht – und darauf, ob man bei Panini gegebenenfalls im Heft die Stellen ändert, deretwegen das Heft indiziert wurde, oder ob man es der BPS zu einer Prüfung nach heutiger Sicht vorlegt.

Zu Anfang betrieb Williams einen regen Aufwand, die Politisierung aus den Comics fernzuhalten. „Hulk“ und „Thor“ der 5. Produktion wurden retuschiert, indem der  Kreml unkenntlich gemacht, Fantasieorte wie „das Reich der Zetas“ erfunden, Bärte gestutzt oder hinzugepinselt, und die Fellkappen der Sowjets in Baskenmützen umgewandelt wurden. Symbole wie Hammer und Sichel waren ohnehin Tabu. Auch wurden mehrere Ausgaben dieser und anderer Marvel-Serien, vermutlich aus demselben Grund ausgelassen. Was kannst Du dazu sagen?

Wenig. Man fand wohl die amerikanische Weltsicht etwas daneben.

Nach neun Monaten der „neuen“ Superhelden hörtest Du auf für Williams zu übersetzen. Welche Gründe gab es dafür?

Gute Frage. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt im Auftrag des Verlags eine Analyse der Produktion des ersten Halbjahrs der Hefte gemacht. Dann wurde Williams umgekrempelt und es kamen plötzlich neue Leute in die Redaktion, die alle ihre Hefte selbst übersetzten oder ihre Favoriten hatten. Da war Ärger vorprogrammiert. Außerdem habe ich dann immer mehr andere Sachen gemacht.

Auch Reinhard Mordek alias REMO verschwand sang- und klanglos von der Bildfläche.

Tja, Remo war ja in der Anfangsphase sogar in den Staaten, um alles zu koordinieren. Aber dann kamen die neuen Redakteure. Same Story …

Hast Du nach 1974 je wieder für den  Williams Verlag gearbeitet?

Nicht, dass ich wüsste.

Warst Du auch vor Ort in den USA? Williams-Redakteur Reinhard Mordek schien sich ja ständig im „Haus der Ideen“ aufzuhalten.

Ich war zwar privat in USA und auch bei Marvel und DC, aber nicht im Zusammenhang mit den Williams-Heften. Ich war ja nur ein freier Mitarbeiter.

Man kennt Dich vor allem als Verfasser und Co-Autor von Comic-Sekundärliteratur wie „Batman, Beatles, Barbarella – Der Kosmos in der Sprechblase“, „Comics – Anatomie eines Massenmediums“ und „Comics Handbuch“, die allesamt zu den Standardwerken zählen. Auch einige Sachartikel des Condor Verlags gehen auf Dein Konto. Für Ehapa erstelltest Du die zeitbezogenen Vorworte der Reihe „Barks Comics & Stories“. Was hat Dich bewogen, über Comics zu schreiben und an welchen Projekten arbeitest Du derzeit?

Wir haben uns an der Uni im Fach Amerikanistik mit Populärkultur beschäftigt und ein Colloquium über Comics gestaltet, aus dem dann die „Anatomie“ wurde, die – anders als die damals üblichen Publikationen – die Comics ausgewogen und, soweit erkennbar, historisch korrekt darstellen sollte. Und das hat sich dann halt verselbständigt. Naja, die bsv-Hefte hätten schon besser sein können. Schrott waren sie nicht, aber auch nicht das Maß aller Dinge. Immerhin haben sie deutsche Leser mit Serien bekannt gemacht, die sonst hierzulande wohl nie veröffentlicht worden wären. Ich hätte schon weiter mitgemacht, aber die neue Riege der Mitarbeiter war nicht sehr umgänglich (siehe oben).

Wo liegt für Dich persönlich der Stellenwert des Williams Verlags? Hättest Du Dir eine derart liebevolle Bearbeitung mit Handlettering usw. auch bei anderen Verlagen wie Bastei mit Titeln wie „Bessy“ oder Ehapa mit“ Micky Maus“ und „Superman“ gewünscht.

Williams hat sich zumindest bemüht, das Feeling der Original-Comics zu vermitteln und das mit mehr Einsatz getan als andere Verlage. Anders als etwa

bei „Superman“ hat man auch nicht versucht, (sprachlich) kindlicher als das Original zu sein.

Woran scheiterte Deiner Meinung nach das Projekt „Williams“ mit seinen Superhelden? Lag es vielleicht auch an der Konkurrenz durch den Egmont-Riesen Ehapa?

Möglich. Andererseits lag es vermutlich auch eher am finanziellen Aufwand, der für eine solche aus dem Boden gestampfte Produktion nötig war, als an der Konkurrenz. Möglicherweise aber auch schlicht und einfach am Mutterkonzern Warner.

Aus aktuellem Anlass einer Ebay-Auktion noch die Frage, von wem der Williams-Verlag 1974 seine Comic-Hefte prüfen ließ? Schließlich hieß es immer, dass mit etwa sechs Monaten „Vorlauf“ gearbeitet und sogenannte „Dummies“, Vorab-Versionen der jeweiligen Hefte in schwarzweiß, gefertigt wurden, bei denen noch einiges an Korrekturen vorgenommen werden konnte.

Von mir. Aber das war eine Bewertung im Nachhinein, bei der alle Fehler ob Text, Bild oder Farbe angesprochen wurden, um die Produktion in Zukunft zu verbessern.

Gestatte mir eine letzte allgemeine Frage: Warum nennen oder nannten die Deutschen Comicschaffenden fast ausnahmslos zusätzlich das Initial ihres zweiten Vornamens bei einer Veröffentlichung? Beispiele gibt es genug: Andreas C. Knigge, Reinhold C. Reitberger, Hajo F. Breuer, Wolfgang J. Fuchs ,…

Witzige Frage. Ich hatte mein Mittelinitial schon lange vorher immer verwendet. Reinhold hat, ich glaube auf Anraten unseres Verlegers, eines dazu erfunden (das C steht sozusagen für Comics). Wie das bei Knigge und Breuer war, kann ich nicht sagen.

Vielen Dank für das ausführliche Gespräch und weiterhin viel Erfolg.

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Eine Antwort auf Die Marvels wie sie wirklich waren: Wolfgang J. Fuchs (4)

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