Geschichte des Komiker-Handwerks (3)

II. Die Komik der Sozialreportage

Die bereits im Vorwort erwähnte Kultur der direkten Publikumsansprache mit aufmüpfigem Unterton wurde schon in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts gepflegt und gewissermaßen für die Comedy-Bühne der Zukunft eingerichtet.
In Europa war Charles Dickens (1812-1870) als gefeierter Interpret seiner eigenen Arbeiten unterwegs. Er riss das lesende wie das zuhörende Publikum mit, seine Performances waren stets ausverkauft, und ihre Wirkung beruhte gleichermaßen auf den Themen (es war die Zeit der Industrialisierung mit all ihren schrecklichen Verwerfungen), der Qualität seiner Texte, seinem Humor und seiner Vortragskunst (er hatte eigentlich Schauspieler werden wollen, scheiterte aber früh bei einem Vorsprechen). Nebenbei soll er auch den Cliffhanger erfunden haben – seine Arbeiten erschienen zunächst als Fortsetzungen.

Das amerikanische Gegenstück zu diesem Phänomen ist der sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts etablierende Lecture Circuit, in dem sich viele Humoristen, die Literary Comedians, zusammenfanden. Ähnlich den Kollegen der Minstrel Show arbeiteten auch sie mit sozialem Understatement: im Schutze einer etwas linkischen Kunstfigur boten sie meisterhafte sprachliche Tricks und Verballhornungen, schiefe Bilder, Anti-Sprichwörter, Tall Tales (Übertreibungsgeschichten) und immer wieder Karikaturen des ländlichen Südstaaten-Menschen.

Die beiden wichtigsten Vertreter waren bereits keine Pioniere mehr sondern Erneuerer dieser Schule. Mark Twain (1835-1910) gilt allgemein als der beste von ihnen. (Machen wir uns nichts vor: diese wohlverdiente Einordnung wurde ihm nicht zuletzt dank des anhaltenden Erfolges seiner Literatur zuteil.) Ihm voran ging Charles Farrar Browne (1834-1867), der unter dem Pseudonym Artemus Ward Karriere machte. 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vincit“

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