Geschichte des Komiker-Handwerks (4)

Fortsetzung vom 17.3.2020

Charles Farrar Browne war der wichtigste Humorist des amerikanischen Bürgerkriegs, den er nur um zwei Jahre überlebte. Er begründete seinen Erfolg 1858 mit dem Start einer Briefkolumne im „Plain Dealer“, in der er als Schausteller Artemus Ward seine Ausstellung von Wachsfiguren und ausgestopften Tieren anpries. Eine Kunstfigur begann sich zu entwickeln: robust, leutselig, prahlerisch, geschwätzig. Der Autor schaffte es, die in radebrechendem Hillbilly-Sound verfassten Beiträge so realistisch zu halten, dass die Leserschaft ihn bald mit seiner Persona gleichsetzte bzw. verwechselte – untrügliches wenn auch delikates Zeichen für einen Erfolg.
Wenn dieser Artemus Ward von seinen erfundenen Torneen durch ganz Amerika berichtete, flossen tatsächliche Erlebnisse des Verfassers mit der Verulkung regionaler Eigenheiten zu einer Mischung aus Tall Tale und seröser Reisereportage zusammen. Er äußerte sich zu (gesellschafts)politischen Themen, nationalen und internationalen Angelegenheiten.
Wiederum wurde sich über Allzumenschliches lustig gemacht – Alkohol, Frauenrechte, die bedrohte nationale Einheit, die Mormonen … – und die bissigsten Kommentare für die Obrigkeit aufgespart. Bei uns würde man von einem kabarettistischen Konzept sprechen.*

Der enorme Erfolg von „His Book“ war 1862 – der Sezessionskrieg war in vollem Gange – der Anlass für Artemus Ward, seine Überlegungen auch live vorzutragen. Er wurde zum „Moral Lecturer“, „Platform Lecturer“ bzw. „Crackerbox Philosopher“ (man stand schon mal auf einer Keksschachtel, ähnlich den poltischen Rednern im Londoner Hyde-Park, die bekanntlich Teekisten bevorzugten); die Zahl der überlieferten Bezeichnungen weist darauf hin, das hier etwas Neues im Entstehen war, eine neue Erscheinungsform des Komikers bzw. Humoristen sich aufmachte.
Der direkte Kontakt mit dem Publikum veränderte die Kunstfigur. Der hemdsärmelige Mr. Ward bemühte sich zunehmend, (pseudo-)seriös herüberzukommen. Das sorgte für eine gewisse Fallhöhe, und gab den Zusehern die Möglichkeit, seine offenkundigen Absurditäten zu durchschauen und sich über den scheinbaren Simpel erhaben zu fühlen. Durch die Einbringung dieser „Deadpan Technique“ in die Kultur der „Lecture Platform“ prägte Charles Farrar Browne das Genre nachhaltig.

Mit den „Artemus Ward Letters“ blieb davon ein schriftliches Zeugnis erhalten, ein wichtiges Dokument in der Geschichte des amerikanischen Humors. Zu den nachfolgenden Humoristen, die davon beeinflusst wurden, gehörte auch Mark Twain. 
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* Die Geschichte des Kabaretts im deutschen Sprachraum begann erst 1900, siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2015/01/18/ist-ein-chanson/

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Essay „Humor Omnia Vincit“

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