Nebenwirkung einer Katastrophe

betr.: 90. Jahrestag der Premiere des Films „Der Blaue Engel“

Der traurigste der vielen Superlative, die sich mit dem Film „Der Blaue Engel“ verbinden, ist die Tatsache, dass Ende des Zweiten Weltkriegs der komplette Stab des Films bis auf zwei Kameramänner nicht mehr dort war, wo er oder sie sich zur Zeit der Dreharbeiten befunden hatten.
An ihm lässt sich ablesen, wie die so reiche Kulturszene Berlins ausblutete, wie ein ganzes Land sein kreatives Potenzial einem anderen überließ.
Friedrich Hollaender, der die Songs für diesen Film und andere Hits der 20er Jahre geschrieben hatte, floh 1933 nach Amerika. Der Regisseur Josef von Sternberg war bereits in der Stummfilmzeit aus Karrieregründen emigriert und hatte sofort nach der Premiere des „Blauen Engels“ seinen Star Marlene Dietrich mit nach Hollywood genommen. Marlene wurde dort später zur prominentesten deutschen Antifaschistin, unterstützte vor dem Krieg und vor den Nazis geflohene Künstler finanziell und arbeitete als Truppenbetreuerin. Die Drehbuchautoren Carl Zuckmayer und Karl Gustav Vollmoeller flohen in den 30er Jahren in die Schweiz und in die USA. Der dritte Autor, Robert Liebmann, floh nach Frankreich, wurde aber dennoch deportiert und in Auschwitz ermordet. Produzent Erich Pommer („Metropolis“) wurde von den Nazis die Arbeitserlaubnis entzogen, und er ging ebenfalls nach Hollywood. Der Arrangeur der Filmmusik, Franz Wachsmann, machte dortselbst als Filmkomponist Franz Waxman Karriere und erhielt als erster in zwei aufeinanderfolgenden Jahren den Oscar für die beste Filmmusik.
Die fast geschlossene Flucht des „Blauen Engel“-Teams ist ein beeindruckender Beleg für die These, Hollywood wäre ohne Hitler in dieser Form nicht denkbar gewesen.

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