Der Gentleman-Betrüger

betr.: 115. Geburtstag von Curt Ackermann

Die Spitzenkräfte des deutschen Synchron in der guten alten Zeit (jedenfalls die männlichen Stimmen) gliedern sich für mich in zwei Kategorien: die Entertainertypen und die Beamtentypen. Das ist absolut kein Werturteil, eher ein Rollenfach, das sich in meiner Wahrnehmung abzeichnet. Auch die „Beamten“ konnten überaus komische Wirkung erzielten, wenn sie entsprechend eingesetzt wurden.* Diese vordergründige Humorlosigkeit zeichnet z.B. Curt Ackermann aus, der sich ausgerechnet aus dem Munde des komödiantischen Charmeurs Cary Grant als regulärer Glücksfall erwies. Seine übrigen Stamm-Schauspieler starben ihm im Laufe der Zeit weg, doch es gibt in dieser Generation keinen Leading-Man, den er nicht gelegentlich betreut hat. Mit Cary Grant hatte er stimmlich große Ähnlichkeit, obschon das – auch nach Ackermanns persönlicher Meinung – nicht unbedingt entscheidend ist: „Man muss versuchen, sich in der Mitte zu treffen: dass man nicht neben dem anderen, sondern in ihm steht“ („Film-Revue“ 10/1960).

Curt Ackermanns Theaterkarriere begann am Thalia Theater in Hamburg  und verschlug ihn schließlich nach Berlin. Während des Zweiten Weltkriegs erregte er am Renaissance-Theater gewisse Aufmerksamkeit in einem musikalischen Lustspiel. Schon 1933 hatte er begonnen, als Filmschauspieler zu arbeiten, auch im Kabarett betätigte er sich.
Wie so viele Kollegen legte Curt Ackermann auch in seinen Synchron-Hochzeiten immer Wert darauf „ja eigentlich Schauspieler“ zu sein. Ende der 70er Jahre zog er sich vom Mikrofon zurück.

Zu seinem 80. wurde Curt Ackermann gefragt, ob er sich eine Rückkehr ans Ateliermikrofon vorstellen könnte. „Um Gottes Willen, nein“, beeilte er sich zu versichern. „Das geht mir heute viel zu hektisch zu!“ Damit bezog er sich wohl auf das geänderte Arbeitstempo, auf die Abschaffung der alten Vorgehensweise, die Szenen vor der Aufnahme zu proben(!). Ein wenig Koketterie war aber auch im Spiel: „Jahrelang bin ich zwischen Spanien und Deutschland hin- und hergependelt und habe vor einem Jahr endgültig damit aufgehört. Ich meine, ich habe genug getan, um das Auge mit dem Ohr zu betrügen!“
Vonseiten Cary Grants drohte ihm keine Gefahr mehr, denn der hatte ja bereits 1966 auf der Höhe seiner Beliebtheit einfach aufgehört und sich allen Überredungsversuchen seither hartnäckig verweigert.

Apropos Cary Grant: bereits 1959 war es zu einer Kunstpause in dieser Sprecher-Schauspieler-Ehe gekommen.
In „Der unsichtbare Dritte“ wird Cary Grant ausnahmsweise von Erik Ode gesprochen. Das verstörte einige Rezensenten und spätere Exegeten, umso mehr als Curt Ackermann in einer tragenden Nebenrolle ebenfalls auftaucht. Doch diese Kritik ist eher ein bürokratischer Reflex. Odes herzensgütiger Sound von kommt der Figurenzeichnung sehr zugute (Grant spielt ein maliziöses Muttersöhnchen aus der Werbebranche), und außerdem vertritt hier ein erstklassiger Synchronschauspieler einen anderen. Odes Stimme passt so ausgezeichnet, dass mir die Umbesetzung erst auffiel, als ich den Film zum dritten Mal gesehen habe.
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* Ein weiteres Beispiel für diese Spezies findet sich unter https://blog.montyarnold.de/2020/02/13/martin-hirthe/

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