Feindesland St. Georg

betr.: Einkaufen in der Corona-Krise

Vor dem Supermarkt in unserer Straße – ein hochpreisiges Luxus-Geschäft – hat sich heute am Samstag vor Ostern eine gewaltige Schlange gebildet.
Alle waren friedlich, und ich glaubte im Vorbeigehen den stillen Stolz der Leute zu spüren, zur wackeren Allgemeinbefindlichkeit etwas beitragen zu können.
Da ich nur zur Bäckerei im Eingangsbereich wollte, konnte ich die Schlange überspringen.
Als ich den Corona-Wachposten passierte, der seit Beginn der Maßnahmen diesen Job versieht, hörte ich, wie er sich mit dem ihm am nächsten Stehenden zankte. Dieser Herr beklagte sich, der Aufpasser sei aber wohl ziemlich unfreundlich oder so.
Eine putzige, absurde Situation.
Der Türsteher ist ein gefährlich aussehender Bursche um die 60, der üblicherweise gewiss in fieseren Gegenden Dienst schiebt. Normalerweise hat er es mit Besoffskis zu tun, mit Mafia-Typen, der Polizei, randalierenden jugendlichen Kraftmeiern. Das ist er gewohnt, damit mit kann er umgehen, aber die aktuelle Krise hat ihn in den Außendienst getrieben.
Zu einer für ihn ungewöhnlichen Uhrzeit muss er nun gepflegte Herrschaften ertragen, von denen vielleicht jeder zweite während der Wartezeit mit ihm quatschen will – die Leute sind ja angehalten, allein einzukaufen.
Ich denke, dass sich die Wenigsten bei ihm beklagen. Inzwischen hat  sich die Problematik ja herumgesprochen, und das nördliche St. Georg ist – dem nahen Hauptbahnhof zum Trotz – eine züchtige, brave Gegend.
Aber auch tutiger Smalltalk kann verdammt wehtun. Besonders wenn er von Leuten kommt, die „eigentlich nur freundlich sein“ möchten.

Ich gehe davon aus, der kleine Zwist am Eingang war die Folge der drei- oder vierhundertsten Ansage von der Sorte: „Na, Sie haben ja auch keinen leichten Job, den ganzen Tag hier auf dem Barhocker rumsitzen …“ oder „Gibt es eigentlich viele, die sich aufregen, dass Sie hier warten müssen?“
Vermutlich sehnt sich der Kiez-erprobte Kraftmeier nach einer zünftigen Wirtshausschlägerei, um mal ein wenig Dampf abzulassen. Aber wo soll man die an einem solchen Ort hernehmen?
Als ich die Bäckerei verlasse, ist die kleine Auseinandersetzung längst vorbei, der wartende Kunde im Markt verschwunden.
Der Türmann schweigt, und in seinem gepeinigten, wettergegerbten, unrasierten Gesicht steht geschrieben: „Nie wieder St. Georg!“

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